Sonntag, 31. Juli 2016

Projekt: Seelenspiegel - Das Metronom

Meine Großmutter hat mal gesagt, dass sie als Mädchen ein Tagebuch geführt hat, um ihre Gedanken zu ordnen und Erinnerungen fest zu halten. Ich glaube..ich fange auch damit an. Und zwar am Anfang. 

Ich lag, wie immer, in meinem Bett. Das ständige Klicken in den Ohren. Wie immer herrschte in mir ein Sturm und im Hintergrund ertönte das leise Klicken eines Metronoms, das fröhlich vor sich hin- und herschwang. Ich klammerte mich in solchen Momenten oft an dieses Klicken. Es hielt mich wach, wenn ich müde war und fesselte mich genug, um nicht in Gefilde abzudriften, die meine Gedankenwelt nicht verkraften könnte. Aber manchmal...da klickerte es nicht im Hintergrund. Manchmal, da war es still. Und dann begannen meine Gedanken um...grausame Dinge zu kreisen. Ich hatte das schon als Kind. Natürlich auf eine andere Art und Weise als jetzt. Immer, wenn Mama und Vater stritten, begann das Metronom, seinen Rhytmus anzuschlagen und ich konnte mich plötzlich auf andere Dinge konzentrieren als gellende Ohrfeigen oder fliegende Teller. Es war immer wie mein Freund. Seltsam, nicht? Ein fiktiver Gegenstand, der nicht mal in der Realität ein Eigenleben besitzt, mal abgesehen von den vielen Baktieren, die sich darauf tummeln. 
Es klickte besonders laut, wenn Vater oder Vater's Freunde mich nachts besuchten. Es half mir beim Einschlafen und ich musste nicht mehr an den Schmerz denken. Das Klicken...es war immer präsent. Mein Rettungsanker auf freier, wilder See. In der Schule, beim Spielen, immer.  Und eines Tages...da klickte es besonders laut. Tick, Tack, Tick, Tack...wie ein Presslufthammer, immer lauter und immer schneller. Fast eine Stunde lang. Lass mich...fünfzehn oder sechzehn gewesen sein. Als es endlich aufhörte, fand ich mich im Bett wieder. Ich stand auf, um mir ein Glas Wasser zu holen und...da waren Mama und Vater einfach weg. Niemand war mehr da. Und als ich realisiert hatte, dass sie mich allein hier gelassen haben, klickte es wieder fröhlich vor sich her. Still und sanft, da kannte ich keine Trauer mehr.

Ich kam bei Großmutter unter und bei ihr ging es mir sehr gut. Sie liebte mich wie ein zweites Kind und wir verloren nie ein Wort über Zuhause oder Mama und Vater. Ich studierte Geschichte, reiste herum und traf viele interessante Menschen. Sie besorgte mir sogar einen Job in einem Museum! Ich habe es immer geliebt. Der Geruch und die vielen Ausstellungsstücke, dieser kleine Teil der Zeit, den man eingefangen und konserviert und eingesperrt hatte, bedeutete für mich schon immer Magie. Hier war alles tot. Nichts konnte jemandem etwas anhaben. Und so lebte ich die nächsten Jahre. Nichts geschah und niemad tat mir weh. Sogar die Unruh war still. Ich dachte, ich wäre angekommen, doch dann... Ich lag Nachts wach im Bett und da war sie wieder. Die Unruh, die mich meine gesamte Kindheit begleitete war wieder da. Ich wehrte mich nicht dagegen. Es war, als würde ein guter, alter Feund reinschauen und ich dachte, dass ich Gefahr lief, wieder abzudriften. Dass sie mich beschützen würde. Das tat sie nicht. Konnte sie nicht. 
Am nächsten Morgen fand ich Großmutter tot in ihrem Bett. Sie war einfach eingeschlafen. Still und friedlich stahl sie sich mir und ließ mich erneut allein. 

In den Tagen darauf war das Metronom sehr laut und ich beschäftigte mich nur wenig mit meinem Verlust. Sie hatte mir sogar ihr Haus vermacht. Also blieb ich dort und lebte weiter. Arbeitete jeden Tag im Museum, kam Abends nach Hause und las, sah fern oder schlief. Mein Leben lief ruhig, ja, fast ideal! Mit der Zeit verschwand auch die Unruh wieder. Und zwar ab einem bestimmten Punkt. Als ich SIE traf. Melissa. Meine erste und einzige große Liebe. Das Pochen meines Herzens war lauter als das Metronom und ich sah dies als meine Chance, meiner recht angenehmen Monotonie zu entfliehen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir tranken noch am gleichen Tag Kaffee zusammen und was soll ich sagen, unser Leben verlief wie eine schlechte Hollywoodschnulze. Wir zogen zusammen, arbeiteten gemeinsam und sie schenkte mir ein Kind. Eine Tochter. Tanja nannten wir sie und alles schien perfekt. 

Bevor ich weiter spreche, möchte ich anmerken, dass ich zwar impulsiv bin, meine Frau aber nie geschlagen oder anderweitig verletzt habe. Nie. 

Es...war wieder Nacht. Ich lag nackt und wach in unserem Bett. Und da war es wieder. Das Klicken. Erst tief in meinem Hinterkopf. Leise und sanft. Doch es wurde kontinuierlich lauter. Ich schaffte es, trotz allem einzuschlafen. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war etwas anders. Das Klicken war noch da, aber...meine Frau und mein Kind waren verschwunden. Einfach weg. Ohne Abschiedsbrief, ohne irgendwas. Nicht mal Klamotten hatten sie mitgenommen. 
Ich dachte zuerst, sie wären einkaufen, aber als sie am Abend noch immer nicht zurück waren, hatte ich keine andere Wahl, als die Polizei zu benachrichtigen. Sie befragten mich, durchsuchten das Haus, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Alles, was ich ab diesem Zeitpunkt noch weiß, ist, dass ein Krankenwagen vorfuhr und den Polizisten, der mich ausfragte, abtransportierte. Das Klicken war nun wieder still und noch bevor ich mich wieder gefangen hatte, war ich mit Handschellen gefesselt. Ich versuchte verzweifelt, den Leuten klar zu machen, dass ich damit nichts zu tun hatte. Aber niemand glaubte mir. Nur der Doktor, der hört mir immer zu. 

Oh, meine Zimmertür öffnet sich. Vielleicht lassen sie mich heute endlich raus. Aber vorher muss ich nochmal zu Dr. Naumann. Der hat ein schönes silbernes Metronom auf seinem Tisch stehen. 
Klick, Klack...wie meins.

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Hallo liebe Leser! Heute mal wieder eine kleine Kurzgeschichte. Es steckt nicht sehr viel Arbeit darin und es war eine fixe Idee, aber ich bin ganz zufrieden damit. Ich wünsche euch wie immer viel Spaß beim Lesen!

Bis dann,

Maexwell.

3 Kommentare:

  1. Ich hasse dieses Scheiß-Ticken und ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. T.T Ich hasse offenes Ende! Deine Kurzgeschichte ist trotzdem interessant und mich zum Nachdenken erregt. Was hat dich zu dieser Kurzgeschichte interessiert?

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    1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    2. Was mich dazu inspiriert hat, kann ich dir nicht sagen. Meine Gedanken sind wie ein Sturm, und manchmal stehe ich im Auge und sehe die Worte klar vor mir und schreibe einfach drauf los. Dabei entsteht dann sowas.
      Danke für das liebe Kompliment! :)

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