Ich hasse Pessimisten und lustigerweise werden alle Menschen in den letzten Momenten ihres Lebens pessimistisch, obwohl ihr Bitten und Betteln von Hoffnung zeugt. Von Hoffnung auf Überleben und Entkommen. Doch sie sind alle zur falschen Zeit am falschen Ort. Statt bei ihren Ehefrauen und Kindern zu sein, sind die Männer, die ich umbringe, zur falschen Zeit am falschen Ort, nämlich bei mir. Einer Bordsteinschwalbe, einer Nutte und oh, sie wissen ja nicht, wie gut es tut, diese Frauen von ihren untreuen Ehemännern zu befreien. Auf der Straße nennt man mich Lola, aber mein richtiger Name ist Viktoria und schauen sie nicht so erstaunt. Sie wissen ja nicht mal annähernd, wie viele minderjährige Mädchen hier in Deutschland in dieses Gewerbe einsteigen. Aber eins ist mir noch nicht ganz klar. Warum bin ich hier? Aber das interessiert gerade nicht, oder? Sie wollen nur, dass ich zur Sache komme. Für sie bin ich schon eine Akte. So wie für's Kinderheim oder das Arbeitsamt oder den Richter. Mannoman, Klischees über Klischees. Als Kind missbraucht, ins Heim gesteckt, obdachlos geworden, am Ende mit 22 schon sieben Jahre Nutte. Haben sie dafür einen Musterbogen oder schreiben sie extra einen neuen für mich? Ah, okay...sie wollen also, dass ich ihnen von mir erzähle und was ich so tue. Attraktiv und gleich auf den Punkt, genau mein Geschmack.
Ich hatte nie ein Problem mit Schwänzen. Nachdem ich entjungfert wurde von wem auch immer war mir schon unterbewusst klar, dass ich irgendwann sehr viel mit ihnen zu tun haben werde. Mein Vater ist gestorben als ich sechs war und meine Mutter hat mich mit zwölf ins Heim gegeben, weil ich ihr zu anstrengend war. Im Endeffekt habe ich nur irgendwann aufgehört, ihre Butlerin zu sein und das hat ihr nicht gepasst. Sie hat mich windelweich geschlagen und gesagt, ich wäre aggressiv und sie würde mit meinen Ausrastern nicht mehr klar kommen. Ich sei Nachts so nach Hause gekommen und sie kann das nicht mehr. Bla bla bla, willkommen bei Richterin Barbara Salesch. Alles ging relativ schnell und nur einen Monat später war meine Mutter um ein Bett reicher und 150 Euro Kindergeld ärmer. Ich lernte hier schnell, mich durch zu setzen. Vor allem gegen die Jungs. Aber um einige Erfahrungen kommt man nicht herum. Ein halbes Jahr im Heim, und ich war keine Jungfrau mehr. Ein Jahr im Heim, und ich nahm Geld von den Jungs für zwanzig Minuten Sex und eine schmutzige Erinnerung mehr. So spielt das Leben, hm? Sie sehen mich an, als könnten sie das alles gar nicht glauben aber ich sage es ihnen, wie es ist: Es gibt hier in Deutschland, oh im großen Deutschland, Heime, in denen sich die Angestellten einen Scheiß für die Kinder interessieren. Solange wir uns nicht zu sehr gegenseitig verletzen oder umbringen, ist denen alles scheißegal. Solange keine Polizei und kein Krankenwagen kommen müssen, ist alles gut. Aber...ich war nie jemand, der sich gern an Regeln hielt.
Ich wollte dort weg. Das können sie sicher verstehen. Aber niemand hätte mich adoptiert und die Leute dort hätten mich nie einfach raus gelassen. Ich war nun fünfzehn Jahre alt und welche Wahl hatte ich denn? Hier bleiben oder abhauen. Und wäre ich noch länger dort geblieben, würde ich jetzt wahrscheinlich nicht vor ihnen sitzen. Aber machen sie sich keinen Kopf, ich bin nicht traurig deswegen. Ganz im Gegenteil. Das alles formt den Charakter. Und ich bin doch ganz gut geraten, oder? Wie Robin Hood nehme ich den Männern ihren teuersten Besitz und gebe es ihren armen, wartenden Frauen. Direkt auf die Türschwelle. Ich bin geistig nicht ganz klar, das ist mir bewusst. Ich bin absolut schizophren und gerade redet die normale Viktoria mit ihnen. Der Teil von mir, der zwar keine Reue, aber noch Angst und Wut empfindet. Die andere Viktoria hätte versucht, sie auszuziehen und zu vögeln, nur, um entweder hier raus oder an ihr Leben zu kommen. Ich habe viel dazu gelesen. Die Abspaltung meiner...nennen wir sie "unschuldigen Seite" und der Killerin in mir, der Nutte, hat mich davor bewahrt, Amok zu laufen oder so. Wäre ich nur eine Nutte, wäre ich sicher auch nicht bei ihnen, oder? Man hat mich direkt zu ihnen geschickt. Nicht in die Klapse oder in den Knast. Also bin ich aus einem bestimmten Grund hier. Seien sie ehrlich, denn...ich war es auch.
Aber mit wem rede ich hier. Natürlich sagen sie mir nichts. Ich sehe es in ihren Augen. Ein Feuer, das ich zu gut kenne. Es lodert, schwach und blau aber immer, wenn sie etwas aufschreiben, flammt es auf. Ich kenne dieses Leuchten. Ich habe es bei den anderen Mädchen auf der Straße gesehen. Es ist die Wut in ihnen. Die Wut, die auflodert, wenn sie daran erinnert werden, wer sie sind, wo sie sind und warum sie dort sind. Und dieses Gefühl wecke ich in ihnen, oder? Ich werde sie nicht weiter fragen, aber...wir sind auch noch nicht fertig, oder? Also gut, irgendwann, eines Nachts drehte ich durch. Ein Mann wollte von mir, dass ich mich anal nehmen lasse und ihm danach den Schwanz lutsche. Er hat mir viel Geld dafür bezahlt, wissen sie? Für etwas so Banales in dieser Branche. Doch als meine Lippen ihn berührten, verlor ich die Kontrolle und biss zu. Ich biss zu und ließ nicht los. Ich schmeckte Blut. Kupfer. Und...es gefiel mir. Als er sich los riss und entsetzt sein bestes Stück untersuchte, schluckte ich alles herunter. Ohne zu Würgen. Ich war nur Zuschauer, alles geschah ohne mein Zutun. Und während er noch immer entsetzt an der Wand lehnte, mich anstarrte und schrie, stieß ich ihm ein Messer in den Wanst. Zehn mal, zwanzig mal...die Zahl ist so absolut...vierunddreißig mal sagen sie? Wow, okay. Also ich stach den Typen ab, oder eher...die andere Viktoria tat es. Und sie grinste, beschmierte sich mit Blut und schnitt ihm dann seinen Penis ab. Einfach so. Sie ging duschen, ließ die Leiche dort wo sie war in irgendeinem verlassenen Haus, das dieser Bastard dummerweise ausgesucht hatte und fuhr zu seiner Wohnung. Alles, was sie wissen musste, stand auf dem Perso und dann legte sie seiner Frau ein nettes Geschenk vor die Tür. Wie eine Katze, die eine Maus tötet. Und die andere Viktoria wartete, versteckt. Als die Frau heraus trat, schrie sie und weinte und die andere Viktoria konnte es nicht verstehen. Warum weinte sie? Ihr Mann war tot, ein ekelhaftes Schwein, wie alle anderen, das nun sterben musste. Tja, was soll ich sagen...ich wachte in meinem Auto auf und übergab mich, wusste nicht wie mir geschah und floh. Aber welche Alternativen hatte ich denn? Ich tat es damit ab, dass der Typ mich anwiderte und dass es eine Kurzschlussreaktion war, aber wie sie sicher wissen passierte es öfter. Um genau zu sein siebzehn weitere Male. Und wissen sie, warum nur zwölf davon bekannt sind? Weil es bei den anderen fünf keine Ehefrauen gab, denen man ein Geschenk auf die Türschwelle legen konnte. Sie nannten mich in den Nachrichten "Die Gottesanbeterin" oder nur "Mantis", was aber seltsam war, weil ich meine Opfer nicht aufesse, wie es einige Arten der Fangschrecken tun.
Ich habe manchmal Angst, zu schlafen, weil ich nicht weiß, was die andere Viktoria tut aber...wissen sie was? Ich bereue es nicht. Ich genieße es. In mir steckt etwas Größeres und ich will wissen, was es damit auf sich hat und sie können mir dabei helfen, deswegen tue ich, was immer sie verlangen. Aber sehen sie mir nicht zu lange auf den Hintern, meine Stimmung schlägt schnell um. Wie die Nadel ihres Metronoms. Tick, Tack und sie sind tot.
Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag, Doktor Attraktiv.
- Notiz an mich: Sie hat Recht. Sie weckt meine Wut. Ihre roten Haare, die leuchtenden Augen und die schlanke Figur, die mütterliche Wärme in ihrer Stimme...sie erinnert mich an Greta und das macht mir zu schaffen. Ich muss objektiv bleiben, sie ist perfekt für das Programm. Alle Probanden sind da, vier Menschen, die alle eines teilen. Das Projekt beginnt heute in einer Woche. Drück mir die Daumen, Mama.
- Notiz: Ende -
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Puh...also ich muss gestehen, dass es echt nicht leicht war, das zu schreiben. Ich hatte erst Bedenken, ein bisschen zu viel zu schreiben aber irgendwann dachte ich mir einfach "Scheiß drauf!".
Hey liebe Leser! Das letzte Patientengespräch ist durchgeführt. Das Projekt Seelenspiegel kann nun beginnen. Ich hoffe, dass euch diese Reihe und dieser Text gefallen und freue mich schon drauf, weiter zu schreiben! Also bleibt dran, es geht bald weiter!
Wie immer viel Spaß beim lesen!
Bis dann,
euer Maexwell.

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