Mittwoch, 19. April 2017

Projekt: Seelenspiegel - Zuhause

"Die Schrift an seiner Wand. Mein Auftritt in seiner Sprechstunde. Und dann das Päckchen vor der Anstalt. Ich bin ein Genie, ja! Ein Genie. UND EIN GENIE WERDEN SIE MICH NENNEN! ERKENNEN WERDEN SIE ES!
Sie müssen es sehen. Sie...ja, er wird es sehen. Und ich werde endlich...ja, ich werde endlich jemanden umbringen können und dann werde ich mich endlich nicht mehr verstecken müssen. Keine Regeln halten mich. Niemand wird mich zwingen. Die Tore zu Himmel und Hölle werden mir offen stehen und ich werde entscheiden, wer bleibt und wer geht..." Mein Kopf hämmert, während ich die Zeilen lese. Der Zettel in dem kleinen Päckchen, welches dieser seltsame Mensch vor der Heilanstalt liegen gelassen hat, war anscheinend ein Tagebucheintrag. Ich lese ihn jetzt seit vier Tagen immer wieder und wieder, aber mir eröffnet sich keine Antwort. Und noch viel schlimmer: Ich weiß nicht einmal, welche Frage ich formulieren will, um dieses Rätsel zu lösen. Greta wohnt nun schon seit zwei Tagen hier, aber ich habe mich kaum mit ihr befasst. Es tut mir leid.

Als sie hier angekommen ist, war sie beeindruckt. Ich selbst konnte ihr nicht mal genau sagen, wie viele Räume dieses Haus hat. Es hat mich auch nie interessiert. Warum auch? Außer gelegentlichem Frauenbesuch musste ich mich um niemanden kümmern. Drei der Zimmer im oberen Geschoss waren komplett leer. Ich brauchte Stunden, um die passenden Schlüssel zu finden. Greta zeigte die Begeisterung eines kleinen Kindes und ohne, dass sie fragen musste, gehörten die Zimmer ihr. Eines wird ihr Schlafzimmer sein, ein weiteres sowas wie ein kleines Wohnzimmer und das dritte Zimmer, welches gleichzeitig das Größte in diesem Haus ist, wird zu ihrer privaten Galerie werden. Ich habe kein Problem damit. Meine Wohnung hat wohl etwas Farbe nötig. Uff...ich kann meine Gedanken nicht von diesem Stück Papier lenken. Es geht nicht. Ich sitze nun wieder seit Stunden davor und versuche, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden. Immer wieder denke ich, dass ich zur Polizei hätte gehen sollen aber verständlicherweise vertraue ich der Polizei nur mäßig und wenn sie davon erfahren hätten, wäre mein Projekt vielleicht nie in die Gänge gekommen. Der Arztberuf birgt immer ein Risiko, auch der eines Psychologen.

Ich reibe mir die Schläfen. Seit einer Woche habe ich nur noch Kopfschmerzen, aber ich verabscheue Tabletten und deswegen überrascht mich Greta selbst jetzt um 02:44 Uhr morgens mit einer wunderbar riechenden Tasse Tee, deren Sorte ich nicht mal im Entferntesten wiedererkenne. Weder der Geschmack noch der Geruch wecken irgendwelche Erinnerungen, aber beides ist wunderbar und schwämmt alle Gedanken aus meinem Kopf, Schluck für Schluck. Sie sitzt währenddessen auf meinem Schreibtisch und begutachtet die Auszeichnungen und Preise an meiner Wand. Sie nickt, sieht mich an und sagt mir damit: "Ja, das bist du. Schon immer gewesen." Ich lächle sie an. "Wenn du willst, kannst du alles verkaufen. Dafür gibt es sicher eine Stange Geld und du machst dir einen schönen Urlaub in Malibu." Sie grinst mich an und steigt vom Schreibtisch. Elfengleich und geräuschlos schreitet sie barfuß über meinen dicken Teppich, dreht sich um und winkt mich zu ihr. Ich stehe auf und folge ihr die Treppe hinauf. Nur weg von diesem Schreibtisch.

Heute trägt sie eine mit Farben befleckte weiße Hose und eine karierte Bluse. Wie ich ist sie schlaflos. Ich arbeite bis in die Nacht und sie malt. Ich beneide sie, ihr Tun ist sicher entspannender als meins. Wir betreten ihr Kunstzimmer und schon jetzt sind der Teppich und die Vorhänge quasi versaut. Mir gefällt es besser so, ich hasse Sterilität. Aber ich hatte nie Zeit, um etwas in diesem pervers großen Haus zu verändern und eine weibliche Hand gab es auch nie. Vielleicht sollte sich das nun ändern. Ich sehe mich um und fühle mich losgelöst, fast frei. Und dann erblicke ich ihr neues Werk.

Ich fühle mich, als wäre ich in einer anderen Welt. Dieses Bild bedarf keiner Interpretation, es ist eine Entführung. Es fesselt meine Gedanken und führt sie an einen für mich absolut fremden Ort, doch es löst kein Unwohlsein aus sondern Wärme und Behaglichkeit. Ein goldrot leuchtendes Kornfeld erstreckt sich bis zum Horizont. Die surreale Farbgebung lässt es ganz und gar nicht gemalt, sondern schon fast greifbar erscheinen. Darüber, ein Himmel, Wolken leuchtend in Blau- und Lilatönen, ein Regenbogen aus leuchtenden, mir vollkommen fremden Farben und ein Regen aus Orange und Grün. Und in der Mitte des Feldes, ein Mann mit einem Kind. Sie sind nicht direkt wie Menschen dargestellt, beide komplett schwarz mit sehr scharfen Kanten und Linien, aber weder gefährlich noch aufdringlich sondern vollkommen natürlich in diesem Bild, beide mit einem weißen Leuchten in ihrer Mitte. Ich bin fasziniert, gebannt. Ich zucke zusammen, als Greta meine Schulter berührt und sie zuckt ebenfalls, dann lachen wir. Schon am ersten Abend, als sie hier war, habe ich sie lachen gehört. Das schönste Gefühl seit Jahren. Sie hat vielleicht ihre Sprache verloren, doch nicht ihr Lachen und nun sieht sie mich lachend an, zeigt auf mich und auf sich und mir wird klar, dass dieses Bild uns beide darstellt und ich bin glücklich. Ich nehme ihren Kopf zwischen meine Hände, küsse ihre Stirn und sage ihr, dass ich froh bin, sie hier zu haben.

Wir beide reden noch ein wenig über dieses Bild und ihren Ansporn dazu. Ich werde mit ihr einen Rahmen dafür kaufen und es in meinem Wohnzimmer aufhängen. Meine Schwester hat ein Talent, welches den meisten Malern und Künstlern vorenthalten bleibt. Während andere Bilder endlosen Raum für Interpretationen und Analysen lassen, entführen ihre Bilder den Betrachter. Es gibt keine Interpretation, es gibt nur das Bild und die Gedanken desjenigen, der es sieht. Sie ist ein Wunder. Mein Wunder.

Als sie das Licht ausschaltet, schließt sie schnell die Tür. Es ist nur zu gut verständlich, dass sie die Dunkelheit verabscheut. Auf dem Weg zur Treppe wünscht sie mir eine gute Nacht, geht in ihr Zimmer und ich gehe die Treppe herunter. Widerwillig aber auch hungrig darauf ziehe ich eine Schachtel Zigaretten aus meinem Sekretär und zünde sie genüsslich und etwas selbstverachtend an. "Du musst aufhören, Paul.", sage ich zu mir selbst und rauche sie fast bis zum Filter. Ich werfe alle meine Unterlagen in eine Schublade und entscheide mich, bis zum Beginn des Projektes in einer Woche keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden. Es sind alle Vorbereitungen getroffen, alle sind informiert und bereit und mir wurde sogar ausgebildetes Sicherheitspersonal genehmigt. Ich sollte mich entspannen, solange ich noch kann.

Ich werfe mich auf meine Couch und schalte meinen Projektor ein. Ich habe Kinos immer geliebt, Fernseher waren mir immer zu klein. Er beginnt zu summen und der Ladescreen erscheint an der Wand, die er bestrahlt. Als das Bild schwarz wird, beginne ich zu überlegen, was ich mir ansehen werde, bis ein Geräusch mich aus meinen Gedanken reißt. Erst jetzt bemerke ich, dass die Wand noch immer schwarz bleibt, obwohl schon lange der Auswahlbildschirm erschienen sein sollte. Es hallt durch die Anlage, welche ich installieren lassen habe direkt in meine Gebeine. Das Ticken eines Metronoms, fast zwei Minuten lang, dann ein Aufblitzen und lautes Rauschen, bis die Nachrichten im Ersten den Klang verdrängen. Ich bin benommen und versteinert, meine Hände schwitzen und mein Puls rast.

Und dann...Stille.



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Puh...das nenne ich eine lange Pause! Hallöchen, liebe Leser! Ich spare mir die unnötigen Entschuldigungen. Dafür kommen heute sogar zwei Posts, was sowieso sehr ungewöhnlich für mich ist! Aber heute hat es mich absolut überkommen also freut euch darauf. Der heutige Eintrag zu unserem Freund Dr. Naumann ist vielleicht ein wenig weniger unheimlich, aber ich hatte so so so viel Spaß beim Schreiben und ich hoffe, dass ihr mindestens genau so viel Spaß beim Lesen habt!

Bis dann!

Euer Maexwell.

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