Mittwoch, 14. Juni 2017

Projekt: Seelenspiegel - Jäger

Künstliches Licht flutet mein Zimmer. Diesen Raum. Diese Zeit. Es ist kalt und bereitet mir eine Gänsehaut. Einen wohlig warmen Schauer auf meiner Haut und auf der Haut der jungen Frau, die dort vor mir auf dem Tisch liegt. Ich kann es in den Fingerspitzen fühlen. Die Wut. Den Drang. Doch ich kann sie nicht umbringen. ICH KANN NICHT! Sie ist nicht die Richtige, nicht der richtige Mensch, um meinen ersten Mord zu begehen. Wie dutzend Andere vor ihr habe ich sie einfach auf der Straße aufgelesen, habe sie mit meinem charmanten Lächeln verführt und einfach mitgenommen. Nicht entführt, sie kam einfach mit mir. Wie die anderen. Ich schließe die Augen und erinnere mich.

"Und, langweilst du dich auch so?", fragte ich sie, während ich neben ihr an der Bushaltestelle stand. Sie nahm mich erst gar nicht wahr, drehte ihren Kopf leicht in meine Richtung und wartete ab, ob ich noch etwas anderes sagen würde. Ob ich sie meinte. Ja, ich meinte sie. Es war ja sonst niemand hier. Doch ich fragte noch einmal und nun wandte sie sich mit ihrem ganzen Körper mir zu. "Was haben sie gesagt? Verzeihung, ich war in Gedanken.", sagte sie mit einem zauberhaften Lächeln auf ihren Lippen. Ein Grübchen erschien auf ihrer linken Wange, nur dort, die Rechte war makellos. Ihr brünettes Haar war sich in üppigen Locken über ihre Schultern und bedeckte ihre braune Lederjacke bis zu ihren Nippeln. Ich lächelte zurück und zündete mir eine Zigarette an. Sie störte sich nicht daran.

"Naja, ich habe dich gefragt, ob du dich auch so langweilst." Sie sah mich verwundert an. "Sind wir schon beim Du angekommen?", kicherte sie mir entgegen. Ihre Pupillen waren erweitert und sie wirkte etwas hibbelig. In ihrer linken Hand hielt sie ein Feuerzeug, welches sie ohne Unterlass zwischen ihren Fingern rotieren ließ. "Bist du auf Droge?", fragte ich sie grinsend. Sie wurde rot und zwinkerte mir zu. "Irgendwie muss eine Frau ja ihren Spaß haben! Verbote sind manchmal eben verboten." Ich reichte ihr eine Zigarette und grinste. Ich musste mich zusammen reißen, um nicht wahnsinnig auszusehen. Auch, wenn mein Grinsen meine Lippen und Wangen hätte zerfetzen können. Sie nahm sie entgegen und zündete sie sich an, schloss die Augen und zog, bis die Glut hell leuchtete. "Danke, du hast mir wirklich den Abend gerettet. Meine sind verschwunden, keine Ahnung wohin! Ich war den ganzen Abend feiern und...oh, tut mir leid. Ich rede so viel. Ich heiße übrigens Maja. Und ich bin kein Junkie!" Sie kicherte erneut und sah kurz zu Boden. "Mach dir keinen Kopf, ich weiß wie MDMA wirkt. Ich heiße Max und ich finde, du solltest mit mir kommen." Ihr Lächeln, welches sie so ausdauernd aufrecht erhalten hat, verschwand mit einem mal und wich einem Kräuseln, welches Angst und Verwirrung darstellte. Sie fing sich sofort, anscheinend wurde sie oft angemacht. "Du bist lustig, Max. Aber bitte mach nicht solche Scherze, einer Frau kann das schnell Angst einjagen und das willst du doch sicher nicht, oder?"

Maja...einen Kopf kleiner als ich und merklich fasziniert von meiner Oberarmuskulatur. Ihr Blick wechselte zwischen meinen Augen, meinen Armen und dem Boden hin und her. Die Wirkung der Droge musste gerade abklingen und sie schien noch etwas durch den Wind zu sein. In mir regte sich etwas, doch ich beruhigte mich und sah ihr direkt in die Augen. "Ich sage das öfter zu Frauen. Alle sagen dasselbe wie du. Reagieren wie du. Sehen zu Boden, wissen nicht, was sie sagen sollen. Belächeln meine Aussage, als sei sie ein Scherz aber sie ist es nicht. Und willst du wissen, was die Frauen normalerweise tun, wenn ich ihnen das sage und ihnen erkläre, dass ich das zu jeder Frau sage?" Sie sah mich mit großen Augen an. Ich hatte ihre Aufmerksamkeit.

Sie liegt hier auf diesem kalten Tisch aus Stahl, festgebunden und geknebelt, ohne Orientierung und zu Tode verängstigt und es bereitet mir Freude. Es weckt Erregung in mir und ich kann den Geruch von Blut schon beinahe wahrnehmen, obwohl dort kein Blut ist. Sie ist nackt, keine Geheimnisse bleiben mir verborgen. Ich gehe nah an ihr Ohr, will etwas sagen und sehe, wie sie bebt. Ich kann ihren Angst gut verstehen. Immerhin ist sie dort angebunden und ich stehe hier seit 30 Minuten und beobachte sie mit einem absurd langen Messer in der Hand, sage nichts und atme nur. Allein das Summen der Neonröhren tötet die fast greifbare Stille.

Stille. Sie sieht mich mit großen Augen an. "Sie tun dasselbe wie du. Sie sagen gar nichts. Sehen mich an und dann..." Ich nehme einen Zug von meiner Zigarette, eine theatralische Pause wie sie in jedem Film vorkommt. Ich puste den Rauch gen Nachthimmel und lächle Maja an. "...dann wissen sie nicht, warum sie NICHT mit mir kommen sollten. Hast du einen Freund, Maja?" Sie errötet, streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und schweigt einen Moment, ehe sie antwortet. "Nein...nein, ich bin Single. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich einfach mit dir komme." Ich gehe einen Schritt näher an sie heran. Sie tritt nicht zurück, bleibt standhaft und ich nehme ihren Geruch wahr. Ein teures Parfum und der Geruch von Weichspüler und mit künstlichen Duftstoffen versetztem Shampoo steigt mir in die Nase. Ich habe Probleme, meine Errektion zurück zu halten. "Und warum nicht?", frage ich sie und wieder ist sie sprachlos. "Also...ich kenne dich gar nicht! Ich weiß doch nur wie du heißt."
"Musst du mich denn kennen, um mit mir zu kommen? Wusstest du denn genau, was in der Pille war, bevor du sie geworfen hast? Es hätte genau so gut Rattengift sein können. Ich stehe hier aber vor dir, als realer Mensch und tue dir nichts. Ich will dich nicht töten. Nur ein kleines bisschen." Sie wird rot und haucht die Luft leise aus. Sie wirft den Zigarettenstummel auf die Straße und begutachtet mich von oben bis unten. "Das ist kein Argument. Bitte...du machst mir etwas Angst und ich muss auch langsam nach Hause. Ich kann dir gern meine Nummer geben, du bist bestimmt ein netter Kerl und..." Ich lege ihr einen Finger auf die Lippen. "Ssssssh...das ist alles nur Gefasel. Ich bin kein netter Kerl. Und ich will dir auch keine Angst machen. Alles, wozu ich dich bewegen will, ist, ein Abenteuer zu erleben. Danach gehen wir unserer Wege oder auch nicht, wer weiß. Aber du kannst nicht abstreiten, dass du das alles unglaublich spannend findest."

"Ja, schon. Na klar ist es immer so einfach..."

"Punkt. Es ist einfach. Ein Ja oder ein Nein. Mehr möchte ich nicht hören. Kein Geschwätz, keine leeren Worte."

"Also...", sagt sie und sieht wieder zu Boden. Dann sieht sie mir in die Augen, ich lächle so sanft wie mein Wahnsinn es zulässt und sie ist überzeugt. "Ja. Ja, okay, na schön. Aber sobald mir irgendwas nicht passt, bin ich weg. Haben wir uns verstanden, Max?" Ich nehme ihre Hand. "Maja, Chérie, du musst keine Angst haben. Für mich ist das eben so ein Abenteuer! Immerhin könntest du mich auch einfach abstechen und ausrauben, während ich schlafe!" Ich lache laut auf und sie kichert auf, scheinbar erleichtert. "Als ob ich dazu fähig wäre, jemanden wie dich einfach auszurauben...", sagt sie, beißt sich auf die Unterlippe und folgt mir zu meinem Auto.

"Und, Maja, willst du jetzt wissen, was alle Frauen tun, die ich anspreche?", flüstere ich ihr ins Ohr. Sie kreischt in ihren Knebel und stemmt sich gegen die Fesseln. Ich berühre mit meiner Zungenspitze ihren Hals und erinnere mich an die vergangene Nacht. Wir haben Stunden über Stunden gefickt. Und ich habe nichts dabei gespürt, der Orgasmus war rein mechanischer Natur und nur als Punkt unter der Geschichte gedacht. Wir redeten nicht mehr viel. Kein Wort war sie fähig, zu meiner Wohnung zu verlieren. Ich drückte sie an die Wand und wenige Minuten später lagen wir im Bett. Und als wir fertig waren, nebeneinander lagen und die Decke schwer atmend ansahen, drehte ich mich zu ihr, zog sie zu mir und flüsterte in ihr Ohr: "Du bist nicht meine Letzte...definitiv nicht. Aber du bist vielleicht meine Erste." Sie sah mich fragen an und ehe sie sich's versah, versank die Injektionsnadel der kleinen Spritze, welche unter meinem Kissen lag, in ihrem Hals. Sie wollte schreien, sich wehren doch wurde Sekunden darauf bewusstlos.

"Und nun liegst du hier. Ich habe...habe ich das alles laut gesagt? Verzeihung, manchmal überkommt es mich und ich rede einfach so vor mich her. Das kennst du doch, oder, Maja?" Tränen bahnen sich ihren Weg von ihren Augenwinkeln zu ihren Ohrläppchen. Ich halte ihr das Messer vor die Augen und es funkelt wie ein Diamant. "Maja, ich werde dich jetzt vielleicht umbringen. Und es wird sehr weh tun. Ich will dich nicht anlügen, immerhin waren wir doch von Anfang an ehrlich zueinander, oder?" Sie wimmert und in meinen Ohren klingt es wie der Gesang eines Engels. Ich fahre mit der Spitze des Messers von ihrer Kehle aus langsam bis zu ihrem Bauchnabel, ohne eine Wunde zu hinterlassen. Sie bebt und kreischt, doch niemand wird sie retten können. Dann füge ich ihr einen kleinen Schnitt zu, direkt unter ihrem Nabel und sie bäumt sich auf. Ich lecke das Blut von der Klinge und in mir bäumt sich alles auf. Ich übergebe mich in einer Ecke des Raumes und schleudere das Messer in eine Ecke. Werfe einen Stuhl wie im Wahn durch den Raum und schreie. Ich stehe vor ihr, beuge mich über sie, bis unsere Nasen sich fast berühren und schreie. Sie dreht den Kopf zur Seite und schreit ebenfalls. Ich habe keine Kontrolle, beobachte alles aus der dritten Person heraus. Mein Körper handelt nun von allein, sie war nicht die Richtige. Ich schlage ihr mit der Faust in ihr wunderschönes Gesicht und sie wird bewusstlos.

Das Geräusch, welches ihre nackte Haut auf dem kalten Betonboden erzeugt, bereitet mir erneut eine Gänsehaut. Hier ist das Licht dunkler, nur ein paar nackte Glühbirnen beleuchten diesen Flur. Ich ziehe sie an den Haaren zu einer schweren Eisentür, sie ist noch immer bewusstlos. Ich klopfe fest an die Tür und höre ein wildes Durcheinander aus Wimmern, Kreischen und Heulen dahinter. "Hallo, meine Damen. Ich bringe euch neue Gesellschaft." Ich stecke den großen Schlüssel in das Schluss der Tür, drehe ihn drei mal und ein lautes Klicken ist zu hören. Mir strömt der Geruch von Exkrementen und Schweiß entgegen, doch viel präsenter ist der Duft von Angst und Fleisch. Ich lege Maja in den schwach beleuchteten Raum, an den Wänden kauert das vorige Dutzend Frauen, welche nicht die Richtigen waren. Mager, nackt, vollkommen verängstigt.

Ich lege Maja in die Mitte des Raumes, während sie langsam zu sich kommt. Ich knie mich zu ihr und flüstere ihr ins Ohr: "Und, Maja, weißt du nun, was alle Frauen tun, die ich anspreche? Sie verlassen mich nie mehr." Ich stelle fünf Tabletts mit Essensresten in die Mitte des Raumes und lasse mich dabei von den Trauergestalten der Frauen, welche ich in den letzten drei Jahren hier aufgenommen habe, beobachten. "Und nun eine gute Nacht, Chérie. Du bist in netter Gesellschaft." Kein Geräusch dringt aus den Kehlen der Frauen, bis die Tür sich laut schließt. Dann höre ich sie singen.
Ich bin wieder in meiner Wohnung, welche viel zu schick eingerichtet ist für einen Mann wie mich. Ich setze mich auf die Couch, schalte den Fernseher ein uns esse einen Apfel. Bevor ich duschen gehe, sehe ich noch ein letztes Mal auf den Kalender.

Morgen, Doktor Naumann. Morgen sehen wir uns endlich wieder.

Oh, was ich alles zu erzählen habe.


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Hallöchen, liebe Leser! Gestern konnte ich mich endlich dazu bewegen, weiter zu schreiben und ja, da habe ich geschrieben und das kam dabei raus! Ich hoffe, dass euch der neue Eintrag gefällt. Feedback ist wie immer gern gesehen!

Bis dann,

euer Maexwell.

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