Mittwoch, 15. April 2015

Bis zur vorletzten Kugel

Hey. Mein Name ist Max und das hier ist wohl so was wie mein Abschiedsbrief. Genau genommen ist mein Handyakku fast leer und ich hoffe, dass er noch reicht, um das hier zu Ende zu schreiben. Fuck, ist das mühsam…auf dem Handy zu tippen war nie meine Disziplin. Ich war damals Künstler. Schauspieler im Theater und Schriftsteller. Und so was wie ein junger Philosoph, keine Ahnung. Ich hatte nicht viele Freunde. Die brauchte ich auch nicht, da ich die RICHTIGEN gefunden hatte. Ich hatte eine wundervolle Freundin. Lebte bei meiner Mutter mit Hund und Katze. Ganz normal. Ganz ruhig. In einem kleinen Dorf irgendwo in Deutschland. Ich habe mich mit Waffen beschäftigt. Habe Videospiele gespielt und war oft wandern. Ein normales Leben. Bis irgendwann die Welt unterging. Ich war gerade auf dem Weg zur nächsten Probe. Weißes Hemd, weißes Shirt, schwarze Hose. Ich habe seitdem nichts anderes mehr getragen. In den Nachrichten ging es dann los. Meldungen über Angriffe von Menschen auf andere. Ein Ausbruch.

Es ist der…der 24.08.2018 glaube ich. Ich habe morgen Geburtstag. Aber wahrscheinlich bin ich dann schon tot. Wahrscheinlich. Und es ist eine Erlösung, denn die Welt ist den beschissenen Bach runter gegangen. Ich habe früher Videospiele geliebt. Ich habe Resident Evil. Left 4 Dead und diese ganzen Zombiemetzelspiele geliebt. Und was kam dann? Das, was eines Tages kommen musste. Allerdings anders, als wir dachten. Es war kein Virus aus einem unterirdischen Geheimlabor. Kein Parasit und auch keine außerirdische Macht, die uns das eingebrockt hat. Es war ein Pilz. Ein verdammter Pilz, der eigentlich nur Spinnen, Ameisen und andere kleine Tierarten befällt. Und irgendein Genie von Wissenschaftler hat es natürlich geschafft, diesen Pilz auf uns Menschen zu übertragen. Wiedermal ein Beweis für unseren puren Wahnsinn. Das ist jetzt drei Jahre her. Und seit drei Jahren laufe ich quasi allein hier rum.


Als die Epidemie ausbrach, hat die Regierung blitzschnell reagiert. Ob sie uns geholfen haben? Macht euch nicht lächerlich, sie haben sich schnellstens verpisst und uns unserem Schicksal überlassen. Wahrscheinlich sind die auch alle tot. Das Militär hier in Deutschland hat auch schnell reagiert und Evakuierungszentren errichtet, um uns Schutz zu bieten. Ein totaler Fehlschlag. Es breitete sich so schnell aus. Nach zwei Tagen hatte es Nordamerika überrannt. Nach einer Woche Westeuropa. Nach einem Monat fast die ganze Welt. Gerüchten zufolge sollen Alaska und einige sehr nördliche Gebiete Russlands verschont geblieben sein. Der Pilz reagiert allergisch auf die Kälte. Das waren jedenfalls die Gerüchte. Allerdings haben wir den Kontakt zu den Leuten, die nach Russland wollten, verloren. Also gehe ich davon aus, dass sie alle tot sind. Oder schlimmer: Infiziert.
Wir haben uns damals in Magdeburg verschanzt. Die alte Militärkaserne in der Innenstadt wurde wieder in Betrieb genommen. Alles wurde abgeriegelt und über Generatoren betrieben. Wir waren circa zweihundert Zivilisten und achtzig Soldaten. Wir haben ein halbes Jahr dort gelebt, dann gingen die Vorräte zur Neige. Und das Chaos brach aus. Was soll man noch dazu sagen…viele sind gestorben. Auch meine Mutter. Für sie war es wohl eher eine Erlösung. Wie für viele andere. Warum ich überlebt habe? Nicht, weil ich stark bin. Nicht, weil ich besonders schnell bin. Sondern weil ich feige war. Ich habe mich verpisst, als die Scheiße den Bach runterging. Habe mir geschnappt, was ging und hab mich aus dem Staub gemacht. Ein Sturmgewehr, eine Pistole und eine Schrotflinte. Nicht mal Vorräte. Ich war nie Soldat, aber ich konnte mit Waffen umgehen. Immerhin hatte ich kaum Freunde und viel Zeit. Also warum nicht schießen lernen? Ich dachte sowieso nicht, dass ich lange leben würde, also waren Vorräte nur Ballast. Und jetzt bin ich seit zweieinhalb Jahren unterwegs.

Ich war danach auf dem Weg zu einer anderen Kaserne. Nahe meines Heimatortes. Ich hoffte, dort meine Freundin oder meinen besten Freund zu finden. Irgendwen. Irgendwas, das noch lebt. Stattdessen fand ich nur Banditen und diese…Dinger. Das weitere Überleben hatte somit ein weiteres Mal seinen Sinn verloren. Ich war ein halbes Jahr unterwegs, bis ich dort ankam. Also wandere ich nun zwei Jahre ohne Ziel durch dieses Land. Ich habe nur versucht, so lange zu überleben, bis ich etwas finde, für das es sich zu leben lohnt. Aber diese Welt war schon immer ein Höllenloch, jetzt sind wir alle Dämonen.




Das hier ist mein Abschiedsbrief. Und eine Entschuldigung. Ich habe beobachtet, wie Frauen vergewaltigt und Kinder erschossen wurden. Und ich habe zugesehen, obwohl ich sie hätte retten können. Ich habe nicht nur gesehen, was geschah…Ich habe ZUGESEHEN. Ich hatte das Leben aufgegeben und deswegen auch das aller anderen. Ich ging einfach weiter und habe versucht, wegzuhören. Heute realisiere ich, dass es falsch war. Dass ich allein bin und dass ich deswegen sterben werde. Ich habe Menschen getötet für Essen und Kugeln. Hinterrücks erschossen und mir alles geschnappt, auch wenn es nur ein Stück Brot war. Wir sind nicht viel anders als diese Dinger. Sie sind Monster ohne Sinn und Verstand, die nur darauf aus sind, zu töten und zu zerstören. Sie verfolgen mich in meinen Albträumen. Die Menschen und diese Dinger. Als mein Leben noch normal war, hatte ich mir immer vorgestellt, wie geil es doch wäre, wenn Zombies die Welt überrennen und ich als strahlender Held eine Truppe von Überlebenden antreibe und alles über den Haufen schieße, was sich uns in den Weg stellt. Wie falsch lag ich…wie krank war ich, mir so etwas vorzustellen? Ich hätte niemanden anführen können. Alle wären gestorben und ich hätte zugesehen. Ich bin ein Nichts. Ich war immer ein Nichts. Und ich bin feige. Ein feiges Schwein, das lieber zusieht, statt einzugreifen, nur um ein paar Kugeln zu sparen. Ich bin nicht besser als diese Dinger, dabei habe ich damals immer Menschlichkeit gepredigt und rumphilosophiert. Ich war Künstler verdammt. Und jetzt bin ich allein.
Ich weiß nicht, warum gerade ich noch lebe. Ich bin müde. Und hoffe jedes Mal, nicht mehr aufzuwachen, wenn ich meinen sporadischen Zwei-Stunden-Schlaf beginne. Ich bin nun fast ein Jahr lang den Schienen gefolgt. Die einzige Konstante, die ich noch habe. Alles andere verschwimmt vor meinen Augen. Ich habe vor einigen Wochen meinen Heimatort erreicht. Ich habe mein Handy geholt, Essen eingepackt, das nicht verdorben war und ein Foto. Das letzte, dass meine Freundin, mein Bruder und ich zusammen geschossen haben. Das erste Lächeln seit drei Jahren. Und auch das Letzte.


Danach hatte ich wieder kein Ziel. Ich bin zwei Tage lang immer wieder durch die Straßen gelaufen. Habe mir alle Orte in meinem Dorf angesehen. War in fast allen Häusern, war auf dem Spielplatz. Alles war still. Keines dieser Dinger war hier. Ich habe mir zwei Nächte in meinem alten Bett gegönnt. Habe meine Klamotten ordentlich wie immer aufgehängt und habe geschlafen, fast zwei Tage lang. Ohne eine weitere Emotion ging ich wieder, an den Schienen entlang ins Nichts. 


Irgendwann musste ich mich in diese kleine Ruine flüchten. Im Wald hatten sich mehrere dieser Dinger verlaufen, auch welche von diesen Klickern, wie man sie nannte. Einer hatte mich bemerkt und eine ganze Horde auf mich gehetzt. Ich habe versucht, sie zu erledigen, aber diese Viecher sind verdammt schnell. Allerdings haben sie mich verloren, als ich hierher flüchtete. Das war vor zwei Wochen.




Als die Luft rein zu sein schien, ging ich weiter in Richtung des nächsten Ortes. Auf dem Weg dorthin entdeckte ich eine große Lagerhalle am alten Bahnhof. Scheinbar war vorher eine Gruppe hier gewesen, alles was man zurück gelassen hatte war eine Feuerstelle. Ich verbrachte drei Tage hier drinnen, bis ich mich selbst ausgeschlossen hatte. Als ich das Tor hinter mir schloss, schien es sich verriegelt zu haben. Meine Vorräte waren noch drinnen, ich nicht. Ich hatte keine Kraft mehr. Keinen Willen. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Hier bin ich nun. Allein mit ein paar letzten Kugeln.






Das hier sind meine letzten Worte und ich habe Angst davor, sie auszusprechen. Ich werde bald tot sein. Ich habe sowieso länger überlebt, als ich es verdient hätte. Und ich bin dankbar für das Leben, das ich leben durfte. Für jeden Moment. Für jeden Atemzug. Ich werde für meine Sünden bestraft, Karma vergibt nicht. Aber wenigstens sehe ich euch bald alle wieder. Ich werde mein Handy hier zurück lassen. Wenn die Welt irgendwann wieder in Ordnung kommt, hoffe ich, dass es jemand findet. Darauf befindet sich alles, was ich jemals geschrieben habe. Mein Vermächtnis, ein paar Buchstaben. Lachhaft, ja. Aber es ist etwas, das ich hinterlassen will. Und wer weiß, vielleicht findet jemand Gefallen daran. So werde ich vielleicht nicht vergessen.

Ich werde so weit gehen, wie ich kann. Mein Wille hat sich lange gehalten und ich bin stärker, als ich jemals gedacht hätte. Ich habe länger gelebt, als ich sollte aber irgendwann endet jede Geschichte. Ich bin kein Held. Ich weiß nicht, was ich bin. Ich weiß nur, dass ich irgendwo noch ein Mensch bin und als Mensch sterben werde. Ich werde jetzt gehen und noch ein paar von ihnen abknallen, mir den Sonnenuntergang mit meiner Freundin und meinem Bruder ansehen und dann schlafen. Aber vorher hab ich noch ein bisschen Spaß. Ich kämpfe bis zur vorletzten Kugel.



Die letzte wird mein Ticket nach Hause.





Ein riesengroßes, fettes Dankeschön an die Zuchi von http://zuchis-space.blogspot.de/ für ihre unglaublichen Bearbeitungen und für die Inspiration. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und freut euch auf viele weitere Posts in Zukunft. Ich hatte mega viel Spaß beim Schießen der Bilder und beim Schreiben. Danke für's Lesen!

Bis zum nächsten Mal.

- Maexwell -

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