Hey. Mein Name ist Max und das hier ist wohl so was wie mein
Abschiedsbrief. Genau genommen ist mein Handyakku fast leer und ich hoffe, dass
er noch reicht, um das hier zu Ende zu schreiben. Fuck, ist das mühsam…auf dem
Handy zu tippen war nie meine Disziplin. Ich war damals Künstler. Schauspieler
im Theater und Schriftsteller. Und so was wie ein junger Philosoph, keine
Ahnung. Ich hatte nicht viele Freunde. Die brauchte ich auch nicht, da ich die
RICHTIGEN gefunden hatte. Ich hatte eine wundervolle Freundin. Lebte bei meiner
Mutter mit Hund und Katze. Ganz normal. Ganz ruhig. In einem kleinen Dorf
irgendwo in Deutschland. Ich habe mich mit Waffen beschäftigt. Habe Videospiele
gespielt und war oft wandern. Ein normales Leben. Bis irgendwann die Welt
unterging. Ich war gerade auf dem Weg zur nächsten Probe. Weißes Hemd, weißes
Shirt, schwarze Hose. Ich habe seitdem nichts anderes mehr getragen. In den
Nachrichten ging es dann los. Meldungen über Angriffe von Menschen auf andere.
Ein Ausbruch.
Es ist der…der 24.08.2018 glaube ich. Ich habe morgen
Geburtstag. Aber wahrscheinlich bin ich dann schon tot. Wahrscheinlich. Und es
ist eine Erlösung, denn die Welt ist den beschissenen Bach runter gegangen. Ich
habe früher Videospiele geliebt. Ich habe Resident Evil. Left 4 Dead und diese
ganzen Zombiemetzelspiele geliebt. Und was kam dann? Das, was eines Tages
kommen musste. Allerdings anders, als wir dachten. Es war kein Virus aus einem
unterirdischen Geheimlabor. Kein Parasit und auch keine außerirdische Macht,
die uns das eingebrockt hat. Es war ein Pilz. Ein verdammter Pilz, der
eigentlich nur Spinnen, Ameisen und andere kleine Tierarten befällt. Und
irgendein Genie von Wissenschaftler hat es natürlich geschafft, diesen Pilz auf
uns Menschen zu übertragen. Wiedermal ein Beweis für unseren puren Wahnsinn.
Das ist jetzt drei Jahre her. Und seit drei Jahren laufe ich quasi allein hier
rum.
Als die Epidemie ausbrach, hat die Regierung blitzschnell
reagiert. Ob sie uns geholfen haben? Macht euch nicht lächerlich, sie haben
sich schnellstens verpisst und uns unserem Schicksal überlassen. Wahrscheinlich
sind die auch alle tot. Das Militär hier in Deutschland hat auch schnell
reagiert und Evakuierungszentren errichtet, um uns Schutz zu bieten. Ein
totaler Fehlschlag. Es breitete sich so schnell aus. Nach zwei Tagen hatte es
Nordamerika überrannt. Nach einer Woche Westeuropa. Nach einem Monat fast die
ganze Welt. Gerüchten zufolge sollen Alaska und einige sehr nördliche Gebiete
Russlands verschont geblieben sein. Der Pilz reagiert allergisch auf die Kälte.
Das waren jedenfalls die Gerüchte. Allerdings haben wir den Kontakt zu den
Leuten, die nach Russland wollten, verloren. Also gehe ich davon aus, dass sie
alle tot sind. Oder schlimmer: Infiziert.
Wir haben uns damals in Magdeburg verschanzt. Die alte
Militärkaserne in der Innenstadt wurde wieder in Betrieb genommen. Alles wurde
abgeriegelt und über Generatoren betrieben. Wir waren circa zweihundert
Zivilisten und achtzig Soldaten. Wir haben ein halbes Jahr dort gelebt, dann
gingen die Vorräte zur Neige. Und das Chaos brach aus. Was soll man noch dazu
sagen…viele sind gestorben. Auch meine Mutter. Für sie war es wohl eher eine Erlösung.
Wie für viele andere. Warum ich überlebt habe? Nicht, weil ich stark bin.
Nicht, weil ich besonders schnell bin. Sondern weil ich feige war. Ich habe
mich verpisst, als die Scheiße den Bach runterging. Habe mir geschnappt, was
ging und hab mich aus dem Staub gemacht. Ein Sturmgewehr, eine Pistole und eine
Schrotflinte. Nicht mal Vorräte. Ich war nie Soldat, aber ich konnte mit Waffen
umgehen. Immerhin hatte ich kaum Freunde und viel Zeit. Also warum nicht
schießen lernen? Ich dachte sowieso nicht, dass ich lange leben würde, also
waren Vorräte nur Ballast. Und jetzt bin ich seit zweieinhalb Jahren unterwegs.
Ich war danach auf dem Weg zu einer anderen Kaserne. Nahe
meines Heimatortes. Ich hoffte, dort meine Freundin oder meinen besten Freund
zu finden. Irgendwen. Irgendwas, das noch lebt. Stattdessen fand ich nur
Banditen und diese…Dinger. Das weitere Überleben hatte somit ein weiteres Mal
seinen Sinn verloren. Ich war ein halbes Jahr unterwegs, bis ich dort ankam.
Also wandere ich nun zwei Jahre ohne Ziel durch dieses Land. Ich habe nur
versucht, so lange zu überleben, bis ich etwas finde, für das es sich zu leben
lohnt. Aber diese Welt war schon immer ein Höllenloch, jetzt sind wir alle
Dämonen.
Das hier ist mein Abschiedsbrief. Und eine Entschuldigung.
Ich habe beobachtet, wie Frauen vergewaltigt und Kinder erschossen wurden. Und
ich habe zugesehen, obwohl ich sie hätte retten können. Ich habe nicht nur
gesehen, was geschah…Ich habe ZUGESEHEN. Ich hatte das Leben aufgegeben und deswegen
auch das aller anderen. Ich ging einfach weiter und habe versucht, wegzuhören.
Heute realisiere ich, dass es falsch war. Dass ich allein bin und dass ich
deswegen sterben werde. Ich habe Menschen getötet für Essen und Kugeln.
Hinterrücks erschossen und mir alles geschnappt, auch wenn es nur ein Stück
Brot war. Wir sind nicht viel anders als diese Dinger. Sie sind Monster ohne
Sinn und Verstand, die nur darauf aus sind, zu töten und zu zerstören. Sie
verfolgen mich in meinen Albträumen. Die Menschen und diese Dinger. Als mein
Leben noch normal war, hatte ich mir immer vorgestellt, wie geil es doch wäre,
wenn Zombies die Welt überrennen und ich als strahlender Held eine Truppe von
Überlebenden antreibe und alles über den Haufen schieße, was sich uns in den
Weg stellt. Wie falsch lag ich…wie krank war ich, mir so etwas vorzustellen?
Ich hätte niemanden anführen können. Alle wären gestorben und ich hätte
zugesehen. Ich bin ein Nichts. Ich war immer ein Nichts. Und ich bin feige. Ein
feiges Schwein, das lieber zusieht, statt einzugreifen, nur um ein paar Kugeln
zu sparen. Ich bin nicht besser als diese Dinger, dabei habe ich damals immer
Menschlichkeit gepredigt und rumphilosophiert. Ich war Künstler verdammt. Und
jetzt bin ich allein.
Ich weiß nicht, warum gerade ich noch lebe. Ich bin müde.
Und hoffe jedes Mal, nicht mehr aufzuwachen, wenn ich meinen sporadischen
Zwei-Stunden-Schlaf beginne. Ich bin nun fast ein Jahr lang den Schienen
gefolgt. Die einzige Konstante, die ich noch habe. Alles andere verschwimmt vor
meinen Augen. Ich habe vor einigen Wochen meinen Heimatort erreicht. Ich habe
mein Handy geholt, Essen eingepackt, das nicht verdorben war und ein Foto. Das
letzte, dass meine Freundin, mein Bruder und ich zusammen geschossen haben. Das
erste Lächeln seit drei Jahren. Und auch das Letzte.
Danach hatte ich wieder kein Ziel. Ich bin zwei Tage lang
immer wieder durch die Straßen gelaufen. Habe mir alle Orte in meinem Dorf
angesehen. War in fast allen Häusern, war auf dem Spielplatz. Alles war still.
Keines dieser Dinger war hier. Ich habe mir zwei Nächte in meinem alten Bett
gegönnt. Habe meine Klamotten ordentlich wie immer aufgehängt und habe
geschlafen, fast zwei Tage lang. Ohne eine weitere Emotion ging ich wieder, an
den Schienen entlang ins Nichts.
Irgendwann musste ich mich in diese kleine
Ruine flüchten. Im Wald hatten sich mehrere dieser Dinger verlaufen, auch
welche von diesen Klickern, wie man sie nannte. Einer hatte mich bemerkt und
eine ganze Horde auf mich gehetzt. Ich habe versucht, sie zu erledigen, aber
diese Viecher sind verdammt schnell. Allerdings haben sie mich verloren, als
ich hierher flüchtete. Das war vor zwei Wochen.
Als die Luft rein zu sein schien, ging ich weiter in
Richtung des nächsten Ortes. Auf dem Weg dorthin entdeckte ich eine große
Lagerhalle am alten Bahnhof. Scheinbar war vorher eine Gruppe hier gewesen,
alles was man zurück gelassen hatte war eine Feuerstelle. Ich verbrachte drei
Tage hier drinnen, bis ich mich selbst ausgeschlossen hatte. Als ich das Tor
hinter mir schloss, schien es sich verriegelt zu haben. Meine Vorräte waren
noch drinnen, ich nicht. Ich hatte keine Kraft mehr. Keinen Willen. Und das hat
sich bis heute nicht geändert. Hier bin ich nun. Allein mit ein paar letzten
Kugeln.
Das hier sind meine letzten Worte und ich habe Angst davor,
sie auszusprechen. Ich werde bald tot sein. Ich habe sowieso länger überlebt,
als ich es verdient hätte. Und ich bin dankbar für das Leben, das ich leben
durfte. Für jeden Moment. Für jeden Atemzug. Ich werde für meine Sünden
bestraft, Karma vergibt nicht. Aber wenigstens sehe ich euch bald alle wieder.
Ich werde mein Handy hier zurück lassen. Wenn die Welt irgendwann wieder in
Ordnung kommt, hoffe ich, dass es jemand findet. Darauf befindet sich alles,
was ich jemals geschrieben habe. Mein Vermächtnis, ein paar Buchstaben.
Lachhaft, ja. Aber es ist etwas, das ich hinterlassen will. Und wer weiß,
vielleicht findet jemand Gefallen daran. So werde ich vielleicht nicht
vergessen.
Ich werde so weit gehen, wie ich kann. Mein Wille hat sich
lange gehalten und ich bin stärker, als ich jemals gedacht hätte. Ich habe
länger gelebt, als ich sollte aber irgendwann endet jede Geschichte. Ich bin
kein Held. Ich weiß nicht, was ich bin. Ich weiß nur, dass ich irgendwo noch
ein Mensch bin und als Mensch sterben werde. Ich werde jetzt gehen und noch ein
paar von ihnen abknallen, mir den Sonnenuntergang mit meiner Freundin und
meinem Bruder ansehen und dann schlafen. Aber vorher hab ich noch ein bisschen
Spaß. Ich kämpfe bis zur vorletzten Kugel.
Die letzte wird mein Ticket nach Hause.
Ein riesengroßes, fettes Dankeschön an die Zuchi von http://zuchis-space.blogspot.de/ für ihre unglaublichen Bearbeitungen und für die Inspiration. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und freut euch auf viele weitere Posts in Zukunft. Ich hatte mega viel Spaß beim Schießen der Bilder und beim Schreiben. Danke für's Lesen!
Bis zum nächsten Mal.
- Maexwell -















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