Donnerstag, 11. Juni 2015

Eddie Gluskin's Tagebuch - Frischfleisch

„Mein Name ist Doktor Walther Hendriks. Ich übernehme die heutige Zusammenfassung der Patientenberichte für Sektion Vier B. Es ist mein erster Tag und ich sehe gerade die Akten ein. Ich nehme meine Zusammenfassung mit einem Tonbandgerät für spätere Analysen auf. Etwas ist komisch, hier gibt es zweiundzwanzig Räume, aber nur eine Patientenakte und zwar...die von einem gewissen Edward Jonathan Gluskin. Pater Martin, ist das richtig? "

„Ja, das ist richtig. Wir haben nur einen Patienten auf diesem Flügel. Fahren sie bitte fort."

„Soll ich bei Nachfragen das Tonbandgerät ausschalten?"

„Nein, mein Sohn. Lassen sie es eingeschaltet. Und jetzt fahren sie fort."

„Gut. Ich verlese nun die relevanten Teile der Patientenakte. Der Patient ist 32 Jahre alt und möchte mit dem Namen "Eddie" angesprochen werden. Er zeigt Symptome von schizoaffektiven Störungen, Sexueller Desorientierung, Wahnvorstellungen, Selbstverstümmelung und gemeinem Wahnsinn. Ich habe mir bereits das Tonmaterial unter Beobachtung von Vater Martin, dem Leiter des religiösen Behandlungszentrums der Einrichtung, angehört. Daraus geht hervor, dass Edwards Wahnsinn aus seiner Kindheit hervorgeht, angefangen bei seinem sadistisch veranlagtem Vater und dem Tod seiner Familie, den er am eigenen Leibe miterleben musste. Namen wurden hier nur sporadisch wiedergegeben. Außerdem erwähnt er immer wieder den Namen einer gewissen Elizah Wellington, seiner Ehefrau. Seine Wahnvorstellungen führen so weit, dass er sie in jedem Menschen, ob von männlichem oder weiblichem Geschlecht, wiedererkennen will und chirurgische Eingriffe vornimmt, um diese Personen dem Bild seiner verstorbenen Ehefrau anzupassen. Dabei hat er mehr als vierzig Morde begangen. In der Öffentlichkeit zeigt er sich als normaler Bürger und talentierter Schönheitschirurg mit Doktortitel und Diplom. Erst, als jemand aus seinem Haus fliehen konnte, wurde Mister Gluskin vor Gericht gestellt, allerdings als nicht zurechnungsfähig bekannt. Danach lebte er in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen, welche allerdings nicht in der Lage waren, sein gewaltiges Ausmaß an Grausamkeit und Blutdurst zu kontrollieren. Somit wurde er ins Mount Massive Asylum gesandt, um hier eine Reihe therapeutischer Maßnahmen zu durchleben. Bisher blieben alle ohne Erfolg."

Plötzlich beugte sich Vater Martin vor und schaltete das Tonbandgerät ab. Verdutzt schloss der junge Arzt seine Akte und sah den alten Priester gebannt an. „Walther, haben sie langsam herausgefunden, was an dieser ganzen Sache nicht stimmt?" Der Arzt kratzte sich unwillkürlich am Kopf, konnte jedoch keine Antwort finden. „Sie haben seine komplette Akte gelesen. Auch das, was herausgestrichen wurde. Projekt Walrider. Und die "Behandlungsmethoden", die wir anwenden. Seine Offenbarungen, die Gespräche mit den Ärzten. Was ist ihnen aufgefallen?" Bevor der Arzt anfangen konnte, zu reden und zu analysieren, winkte Martin ab und begann, seine Theorie zu offenbaren. „Mit Projekt Walrider bringen wir Gott zurück auf die Welt. Wissen sie...Edward ist besonders. Er ist ein Sünder und er hat viele Seelen gebrochen. Man kann ihn nicht bekehren und doch...ist seine Seele Gott näher als die der anderen. Er ist einzigartig. Er ist trotz seines Wahnsinns gutmütig und fromm. Er betet, sehr paradox nicht wahr? Lassen sie sich von mir auf die Sprünge helfen. Wer ist Elizah, Doktor?" Der Arzt öffnete die Akte und las es noch einmal genau nach, um sich nicht der Schmach ergeben zu müssen, erneut keine Antwort zu haben. „Elizah Wellington. Seine Ehefrau." Der Vater lachte kurz auf, räusperte sich dann aber. „Kennen sie das alte Sprichwort "Die Mutter ist Gott in den Augen eines Kindes?""

Nach diesen Worten zog der Priester eine dünne Akte aus seiner Robe und schob sie dem Arzt herüber. „Das ist...ist das seine Mutter? Elizah Gluskin...geborene..." Er stockte und atmete scharf ein. „Ja, sie liegen richtig. Elizah Wellington ist seit vielen Jahren tot. Jeden, den er getötet hat, wollte er seiner Mutter angleichen. Und seine Frau...die gab es nie. Er hat den Tod seiner Mutter nie überwunden. Als Strafe Gottes für seine Sünden. Gott weiß alles und er sieht alles. Und so gab er Edward die Aufgabe, einen Menschen nach seinem Antlitz zu schaffen und in seinen Augen war seine Mutter der Inbegriff Gottes. In der Bibel steht, dass man keine Abbilder des einen, wahren Gottes schaffen soll. Doch er sagte auch, dass er uns eines Tages erlösen würde, wenn wir ihn als unseren Gott und Vater annehmen würden. Edward hat dies getan, mit Herz und Seele. Er ist ein Erzengel, gesandt um uns die Erlösung zu schenken in Form eines neuen Gottes. Und wir geben ihm die Möglichkeit dazu. Jesus Christus war geschunden und geprügelt zu Kreuze getreten. Und so wird es auch Edward tun. Verstehen sie das, mein Sohn? Wir sind Gott so nah wie noch nie. Er ist Projekt Walrider und wir müssen seinen Geist so klar wie möglich halten."

Walther wusste nicht, ob er sich übergeben oder lachen musste. Was auch immer es war, er schluckte es. Danach schloss er beide Akten wieder und schob sie zu Martin zurück. Danach räusperte er sich und sprach: „Und nun haben sie vor, seinen Hunger weiterhin zu stillen, indem sie ihm freie Hand über die Verstümmelung anderer Patienten überlassen? Liege ich da richtig? Ich entschuldige mich, aber sie sind geisteskrank. Das ist alles andere als göttlich, was ist Wahnsinn. Und sie sollten sich lieber selbst einweisen. Ich komme gerade von der Uni und habe kaum Erfahrung, aber das hier sollen nicht meine ersten sein. Ich werde meine Sachen packen, meinen Abschlussbericht schreiben und gehen." Gerade, als Walther aufstehen wollte, klickte das Schloss der Tür laut auf und zwei wuchtige, als Wachen verkleidete Patienten schritten in den Raum. „Wissen sie, Walther...sie sind ein hübscher junger Mann. Ich habe sie als intelligent und weltoffen eingeschätzt aber das war wohl eine Fehleinschätzung meinerseits. Aber sie können mir noch einen anderen Gefallen tun. Wissen sie...sie passen genau in das Opferschema unseres kleinen Eddie. Ich habe noch Verwendung für sie. Denn ich habe ihm versprochen, dass er bald seine Elizah wiedersehen würde und wie sie schon ganz richtig erkannt haben, kann das jeder sein. Also werden sie noch ein wenig bleiben. Als mein Gast." Als der Arzt protestieren wollte, wurde um ihn herum alles schwarz. Die Geräusche von außen wurden nun von einem statischen Rauschen begleitet. Man hatte ihm einen Sack über den Kopf gezogen. Das letzte, was er verstand, war, dass den beiden Männern der Befehl gegeben wurde, ihn vorzubereiten, aber nicht zu verletzen. Als er schreien wollte, kam mit einem Schlag auf den Hinterkopf die erlösende Stille der Bewusstlosigkeit.

Fressenszeit.

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