Hallo Mama.
Du wunderst dich jetzt sicher, weshalb ich dir schreibe. Du hast den letzten Brief von mir bekommen, als ich sieben Jahre alt war. Aber ich muss etwas loswerden, solange ich noch kann. Bevor ich vielleicht nicht mehr die Chance habe, etwas richtig zu stellen. Ich werde auch nicht lange drumherum reden. Leider fehlt mir die Zeit für eine große Einleitung.
Mama, es tut mir leid. Ich weiß, du hast mich immer geliebt. Du hast alles getan, um mich glücklich und behütet aufwachsen zu sehen. Selbst, als Papa weg war, hast du nicht aufgegeben. Es tut mir leid, dass ich mich so viele Jahre nicht gemeldet habe und ich hoffe, dass meine Rosen dich jedes Jahr erreicht haben. Mehr war leider nicht drin.
Doch das ist nicht der Grund, aus dem ich dir schreibe. Ich muss dir etwas beichten. Etwas, das deine Liebe zu mir auf eine harte Probe und dein Bild von mir in seinen Grundfesten erschüttern wird. Ich hoffe, dass du mich verstehen wirst. Dass du mir glaubst und siehst, dass es nicht meine Schuld war.
Erinnerst du dich noch? Es muss heute genau zwanzig Jahre her sein. Es war ein brütend heißer Sommermorgen und ich habe mich auf den Weg zur Schule gemacht. Du erinnerst dich sicher noch an Hans Mingel, den Sohn von Friedrich, dem Säufer? Dieses fette Schwein...er hat mich jahrelang fertig gemacht. Die ganze siebte Klasse stand unter seiner Kontrolle und niemand hat es jemals gewagt, ihm zu widersprechen. Scheiße, ich war immer sein Lieblingsspielzeug. Jedes Paar Schuhe, das ich "vergessen" habe, jeder blaue Fleck, an dem ich mich "gestoßen" habe und jede stumme Träne die du mich hast vergießen sehen gehen auf sein Konto. Und an genau diesem Morgen war es besonders schlimm. Ich war gerade in dem kleinen Waldstück, das auf dem Weg zur Schule lag. Ich bin immer zwanzig Minuten früher los, damit ich den Geruch des Laubs genießen konnte und etwas Ruhe vor dem Unterricht hatte. Doch an diesem Tag hat Hans auf mich gewartet. Er hatte sich in einem Gebüsch versteckt und darauf gewartet, dass ich vorbei komme. Hans kam ganz locker auf mich zu, wie immer mit seinem hässlichen Grinsen auf den Lippen. Aber heute war etwas...anders. Anders als sonst. Wir wussten, dass Friedrich ihn verprügelt. Doch seit diesem Morgen weiß ich, dass da mehr war. Wir hatten alle Mitleid mit ihm. Wir wussten innerlich, dass es nicht sein Fehler war. Aber es war auch nicht unserer. Wir haben ihn gehasst. Und besonders ich habe einen tiefen Hass gegen diese Sau gehegt. So viel Hass sollte ein Kinderherz nicht kennen, oder?
Ohne ein Wort zu sagen, kam er auf mich zu und verpasste mir einen Schlag ins Gesicht. Nicht, um mich zu piesacken, sondern um mir wahre Schmerzen zuzufügen. Ich ging zu Boden und die Angst, die ich in diesem Moment gespürt habe, werde ich niemals vergessen. Es war ein sauberes K.O. in der ersten Runde. Ich versuchte erst gar nicht, abzuhauen. Er hätte mich in der Schule noch weitaus schlimmer dafür bestraft. Doch wäre ich geflohen...dann müsste ich diesen Brief vielleicht nicht schreiben. Er kniete sich auf mich. Sein Gewicht drückte mir die Luft aus den Lungen, er roch nach Schweiß und Zigaretten. Seine Augen waren rot und verquollen, er hatte geweint. Er sah mich mit seinen leeren, glasigen Schweineaugen an und da war etwas. Es war Reue. Das begreife ich erst heute. Doch das hat ihn nicht daran gehindert, mir eine Ohrfeige nach der anderen zu verpassen und dabei zu grunzen und zu kichern. Mein Kopf flog abwechselnd nach links und rechts, bis ich fast bewusstlos und er aus der Puste war. Es tat schon kaum noch weh, meine Wangen waren taub und ich nahm es einfach hin. Ich hatte sowieso keine Chance. Er sprach, bis er fertig war, kein einziges Wort. Und er legte eine beängstigende Präzision in Sachen Grausamkeit an den Tag. Er strich mir über die Wange und schlug dann erneut zu. In diesem Moment sah ich, dass sich in seiner fleckigen Jogginghose eine Beule abzeichnete. Er bekam eine Erektion bei dem Gefühl, mir Schmerzen zuzufügen. Und dann beugte er sich langsam herunter zu mir. Sein fauliger Atem legte sich auf meine Haut und es fühlte sich an, als würden sich Tropfen auf meinem Hals bilden. Mein Körper erbebte vor Ekel und ich atmete durch den Mund. Dann kam er mit seinem Mund an mein Ohr und flüsterte: "Du kleine Fotze. Du kleine, dreckige Fotze. Weißt du, was ich mache? Heute ficke ich dein Leben." Er sprach langsam und mit einem Unterton, der nach Erregung und Selbsthass roch. Danach richtete er sich auf und steckte mir zwei seiner Finger in den Mund. Ich zitterte. Ich hatte Todesangst. Ich hatte einen Geschmack von Erde, Salz und etwas undefinierbar Bitterem im Mund. Hans wühlte unter meiner Zunge herum und ich hatte Mühe, nicht zu würgen. Seine Pupillen weiteten sich und er begann, es zu genießen. Ich konnte es sehen.
Ich weiß nicht, was es war...Stop. Doch, ich weiß es. Nur damals war es mir nicht bewusst. Es war, als würde jemand einen Schalter in meinem Kopf umlegen, welcher widerrum eine Käfigtür öffnete und etwas frei lies, das ich bis dato nicht gekannt habe. Das Flüstern war erst leise und weit entfernt. Und als es lauter wurde und näher kam, wurde es noch unverständlicher. Nur drei Sätze bleiben mir bis heute im Kopf. Diese drei Sätze waren laut und deutlich zu verstehen.
Töte die Sau! Schlachte das Schwein!
Töte die Sau! Schlachte das Schwein!
Töte die Sau! Schlachte das Schwein!
Er ist nur Fleisch. Und du gehörst MIR!
Ich habe die Kontrolle verloren. Aber nicht so, wie es andere Menschen beschreiben, die in Notwehr oder so handeln. Nein, bei mir war es anders. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Ich war nur noch ein Zuschauer. Ohne mein Zutun schnellte meine Hand vor und griff Hans' Hoden durch die lockere Hose. Ich spürte, wie ein Grinsen sich auf meine Lippen legte, als ER zudrückte. Ja, ER. Ich...habe keinen Namen für das, was da in mir ist. Aber das zu beschreiben würde tausend Seiten benötigen und wäre danach noch immer unklar.
ER drückte zu, immer fester und ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich an das knirschende Gefühl denke, das sich in meinen Handflächen ausbreitete. Das Kreischen, das aus Hans' Kehle kam, hört ich kaum noch. ER hatte volle Kontrolle und ließ nicht los. Hans schlug auf meinen Arm ein, doch nichts konnte seinen Griff lockern. Als ER losließ, fiel Hans heulend von mir und kullerte auf dem Boden herum wie eine Schildkröte, die man auf den Panzer gelegt hat. ER stand auf und sah sich um. Als nächstes hatte ich einen großen Stein in der linken und einen spitzen Bleistift in der rechten Hand. ER trat Hans so fest in die Seite, dass er alle Viere von sich streckte und laut aufkeuchte. Blitzschnell saß ER auf Hans' Bauch und stach ihm mit dem Bleistift mitten durch die Hand. Ein kaltes Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus und als Hans erneut aufschrie, schlug ER mit dem Stein in der Hand zu. Ich weiß noch, wie die vorderen Zähne eine große, klaffende Lücke hinterließen und Hans' Mund sich mit Blut füllte.
Es schlug Blasen und hinderte ihn daran, erneut aufzuschreien. In seinen Augen war Panik, pure Angst und er wusste nicht mehr, was er zuerst tun sollte. Hans befand sich in absoluter Schockstarre. Gott...dieser Blick hat sich in meine Seele gebrannt. Als er endlich aufschrie, spritzte mir warmes Blut ins Gesicht. ER leckte sich über die Lippen und stöhnte beim Geschmack des Blutes auf. ER sog jedes Molekül dieses Momentes in sich auf, ehe er mit seinem Werk weiter machte. Der nächste Schlag traf ihn direkt an der Schläfe und hinterließ eine große Platzwunde. Hans' Kopf flog zur Seite und richtete sich langsam und benommen wieder auf. Dieses Mal lachte ER. Es war ein kehliges, ersticktes Lachen. Als hätte ER noch nie in seinem Leben gelacht und würde es gerade entdecken.
Es lässt mir noch heute das Blut in den Adern gefrieren. Und es ist so unwirklich, dass ich schwer Worte finde, um angemessen zu beschreiben, was danach geschah. Ich frage mich, ob du mich jetzt schon verurteilst, Mama. Ob ich dir den Rest noch erzählen soll. Aber wenn ich es nicht tue, wirst du vielleicht nie verstehen, war überhaupt los ist.
ER zog Hans den Bleistift aus der Hand und warf den Stein weg. Hans stöhnte nur noch auf. Der Schmerz muss ihn fast in den Wahnsinn getrieben haben, aber er hatte keine Kraft mehr. Jedes normale Kind hätte allerspätetestens hier aufgehört. Und Mama, du weißt, dass ICH niemals so etwas tun würde, oder? Aber...ich konnte nichts tun. Ich hatte keine Macht über das, was danach geschah. ER wog den Stift in seiner Hand, als hätte er Gewicht. Dann holte er aus und stach den Stift direkt in Hans' rechtes Auge. Drei Sekunden vergingen und bevor Hans schreien konnte, schob ER den Stief tiefer, bis er das Gehirn erreichte und ihn von seinem Leid erlöste. Sein Körper wurde schlaff und regte sich nicht mehr. Mama...er war TOT. Aber ICH war es nicht. ER war es. ER! Nicht ich! ER atmete tief durch, betrachtete sein Werk und stand dann auf, ging zum naheliegenden Bach und wusch sich. Ich hatte an dem Tag ein schwarzen Shirt an, deswegen sah niemand die kleinen Blutspritzer, die sich überall darauf verteilt hatten. Er sah meinem Spiegelbild in die Augen, direkt in meine Seele und sagte: "Du hast einen neuen Freund, Martin. Wir werden viel Spaß zusammen haben." Danach ging ich zur Schule, als wäre nichts gewesen. Ich kam sogar pünktlich, niemand stellte Fragen. Nur zwei Stunden später haben sie seine Leiche gefunden. Ich weiß noch, dass du geweint hast, als wäre er dein eigenes Kind gewesen. Dass Friedrich nicht mal auf der Beerdigung war. Und ich weiß, dass du von diesem Tag an gespürt hast, dass es etwas mit mir nicht stimmte. Aber wonach solltest du denn fragen? Du hast deine Liebe zu mir nicht von deinen Zweifeln beeinflussen lassen und dafür bin ich dir dankbar. Sie haben ein Jahr lang gefahndet, doch haben nie etwas stichhaltiges gefunden, weswegen sie davon ausgingen, dass der Mörder schon lange über alle Berge und einfach schlau genug war, keine Spuren zu hinterlassen. Und solchen Bullen verdanke ich, dass ich noch immer frei bin. Falls man es frei nennen darf.
ER hat seither jeden Tag mit mir gesprochen. Und in den letzten Jahren hatte ER oft die Kontrolle. Du hast es sicher in den Nachrichten gesehen. Aber du MUSST mir glauben, dass ich es nicht war. ER hat all diese schlimmen Dinge getan und ER hat nicht vor, so bald damit aufzuhören.
Ich weiß nicht mehr, an wen ich mich wenden soll, Mama. Ich habe seit Jahren mit niemandem mehr richtig gesprochen, weil ER jeden umbringt, der mir auch nur irgendwie nahe kommt. Und wenn ich etwas tue, das ER nicht will bestraft er mich. In diesem Moment schläft er und ich nutze diesen Moment, um dem einzigen Menschen zu schreiben, der mich immer geliebt und verstanden hat. DIR, Mama. Du hast mich immer geliebt und ich liebe dich genauso. Also...bitte, glaub mir. Und denk nicht allzu schlecht von mir.
Möge Gott mir helfen.
In Liebe,
Martin.
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Hey, liebe Leser! Puh, war das eine lange Pause. Und alle erwarten das Gefühltstagebuch oder Silent Hill aber Pff, nö. Ich arbeite momentan an etwas GROßEM! Und die Gefühlstagebücher...sagen wir, ich habe viele, sehr viele davon verfasst, aber ich habe gemerkt, dass sie nicht besonders gut in das Bild meines Blogs passen. Sie kamen gut an, falls man das so sagen kann und ich danke euch für eure Unterstützung. Mir haben so einige Leute geschrieben und dafür bin ich sehr dankbar. Mir geht es auch durchaus besser, weswegen ich mich nun wieder vermehrt dem Schreiben widmen werde. Und freut euch auf den Sommer, ich habe viel vor. Konzerte, eine Reise nach Holland, viel Besuch aus Deutschland. Und ich bereite euch schonmal darauf vor, dass es bald einen zweiten Blog geben wird, und zwar von mir und meinem besten Freund. Aber zurück zum Thema.
Das hier war ein kleiner Ausschnitt aus einem Thriller, an dem ich neben meinem Hauptwerk "Das Erwachen" arbeite. Und wie man am Titel erkennen kann, nenne ich dieses Werk vorerst "ER" und dies ist der Prolog. Ich werde mal schauen, wie's ankommt und wenn's euch gefallen hat, gibt es mehr davon. Vielleicht. Aber als nächstes geht endlich Silent Hill weiter.
Ich danke euch für eure Geduld.
Hoffentlich hattet ihr wieder Spaß beim Lesen!
Bis dann,
euer Maexwell.

oh... my... gosh! Heftige Geschichte. Boah, dieser Prolog ist soo spannend! Puh, das war so krass! Deine Schreibart gefällt mir so sehr, weil man sich in die Geschichten hineinversetzen kann. Ich muss mich gerade noch fangen.
AntwortenLöschenHör auf, mir so viel zu schmeicheln. :x Es freut mich wirklich sehr, sehr doll, dass du auf meinem Blog so hängen bleibst. :)
LöschenIch bin froh, auf deinem Blog gestoßen zu sein!
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