Montag, 14. November 2016

Projekt: Seelenspiegel - Dr. Naumann

Was ist nur passiert? Ich habe seit zehn Jahren keinen Alkohol mehr getrunken, seit sieben Jahren keine Zigarette mehr geraucht und jetzt sitze ich hier mit einem Glas Scotch und einer roten Pall Mall in der Hand, starre aus meinem viel zu großen Fenster und beobachte die vorbeiziehenden Wolken am Himmel. Ich habe...ich hatte es ganz vergessen. Es waren alles verlorene Erinnerungen. Weggeworfene Erinnerungen. Tief verborgen am Grunde des Sees meines Geistes. Doch der heutige Tag hat mich aufgewühlt. Dieser junge Mann...er erinnert mich so sehr an meinen Vater, dass ich ihn am liebsten erwürgen und bis zur Unkenntlichkeit entstellen will. Nur, damit ich nicht mehr in diese kalten, toten Augen blicken muss. Dieser analytische, berechnende Blick und die eisige Ruhe in seiner Stimme haben mich innerlich aufgerüttelt und nun versuche ich seit Stunden, meinen Frust und die Erinnerungen in Alkohol und Nikotin zu ertränken. Auf meinem, ebenfalls viel zu großen, Schreibtisch steht ein kleines Fläschchen mit Schlaftabletten und Antidepressiva. Gute Laune und ein angenehmer Schlaf wären jetzt das Richtige, aber ich kann nicht. Darf nicht. Ich MUSS darüber nachdenken. Ich muss mich erinnern. Ich habe schon aufgegeben, diesen Jungen durchschauen zu wollen. Im Gegensatz zu den anderen Probanden wirkt er innerlich sehr organisiert, zielgerichtet. Er ist nicht chaotisch oder durcheinander, er weiß genau was er will und selbst, wenn er noch niemanden getötet hat, ist mir klar, dass er schon mehr als einen Menschen zerstört hat. Wie mein Vater. Wie mein Vater. Mein Vater, mein Vater, mein Vater.

Es ist ein warmer Sommertag. Draußen brennt die Sonne auf den Asphalt der Straßen von Magdeburg. Wir schreiben das Jahr 1978 und ich bin acht Jahre alt. Die anderen Kinder spielen alle draußen und erfreuen sich ihres Lebens. Nur ich sitze in meinem Kellerverschlag des Hauses Nummer 45 in der Albert-Vater-Straße. Hinter mir steht mein Papa. Ich nenne ihn Papa, doch eigentlich möchte ich ihm andere Namen geben. So wie Greta, meine Schwester ihm andere Namen gibt. Papa hat sie heute wieder gehauen und jetzt steht er hinter mir. Ich schwitze, obwohl es hier unten nicht warm ist und ich spüre den herannahenden Blasendrang. Seit Mama nicht mehr da ist, ist Papa immer böse auf uns. Und heute ist er besonders böse. Er mag nicht, dass ich mit meiner linken Hand schreibe. Deswegen ist sie an den Stuhl gefesselt, auf dem ich sitze. Ich habe meinen Füllfederhalter von Lamy in der rechten Hand, Papa hat ihn mir geschenkt, bevor ich in der Schule war. Er ist bis auf eine kleine Delle am unteren Ende makellos sauber und glänzend. Als ich mich ein mal langweilte, kaute ich kurz darauf herum und Papa tat mir dafür sehr weh. Seitdem habe ich Angst, den Füller zu fest in die Hand zu nehmen. "Paul...PAUL NAUMANN!", höre ich ihn rufen. Ich habe kurz geträumt. Jetzt bin ich wieder wach. "Ja, Papa. Ich übe weiter. Auferstanden, aus Ruinen, und dem Glücke zugewandt...", ich soll diese Worte schreiben. Mit der rechten Hand, immer wieder, bis sie weh tut. Am Anfang war es schwer. Aber mittlerweile kann ich sehr gut mit der rechten Hand schreiben. Als er die lange Reitgerte auf den Tisch knallen lässt, beginne ich, zu zittern. Ich muss dringen pinkeln, doch Papa lässt mich nicht, bis ich fertig bin. Noch vier Mal, dann darf ich mich erleichtern.

Papa blickt auf mein Geschriebenes herunter. Ein Murmeln und ein Grummeln, das ein "Ja, so kann man das lassen." ausdrücken soll. Er öffnet die Handschelle an meinem Stuhl und schickt mich hinauf auf mein Zimmer. Papa war früher Polizist, doch er hat ein Auge verloren, als er eine Frau angegriffen hat. Man hat ihn wegen Trunkenheit am Arbeitsplatz und sexueller Nötigung suspendiert, doch nie gemeldet. Die Polizei hatte hier sowieso keinen guten Ruf. Mama hat er auch oft angefasst und eines Tages war sie einfach weg. Eine Träne schießt mir ins Auge und ich gehe schneller. Die Treppe hinauf, vier Schritte nach Rechts und dann die vierte Tür...endlich. Ich setze mich und erleichtere mich leise stöhnend. Als ich Schritte höre, halte ich an und stehe auf. Die Tür geht auf und Papa beobachtet mich. Ich darf nicht im Sitzen pinkeln, wenn er zusieht. Er sagt, ich solle pinkeln wie ein Mann. Aber es geht immer etwas daneben und ich muss es dann aufwischen. Ich mag das alles nicht.

Papa geht und ich gehe schleunigst auf mein Zimmer. Nur hier habe ich etwas Freiraum und Ruhe. Meine Schwester und ich teilen uns ein Zimmer. Sie liegt auf ihrem Bett und liest. Sie ist sechzehn und wunderschön. Das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen habe. Sie hat langes, lockiges, rotes Haar und eine Stupsnase mit unzähligen Sommersprossen ringsherum. Ich sage immer, dass sie aussieht wie ein Stracciatellaeis. Sie lacht dann immer ihr wunderschönes Lachen und ich fühle mich kurz geborgen. Sie hat jeden Tag Schmerzen wegen Papa, weil sie Widerworte gibt. Aber keiner glaubt ihr. Keiner glaubt einem Kind und in der Schule haut man uns auch auf die Finger, wenn wir nicht parieren. Papa sitzt wahrscheinlich wieder unten und trinkt sein Bier. Bis es Abendessen gibt, ist er immer sehr betrunken und er stinkt dann. Manchmal macht er sich ein und schlägt uns dann, zwingt uns seine Hose zu waschen und steht nackt hinter uns, beobachtet uns und...fasst sich an. Papa ist eklig. Greta schaut zu mir herüber und lächelt. Sie legt ihr Buch beiseite und sieht mich aus ihren wunderschönen, grünen Augen an. "Hat er dich wieder geschlagen?", fragt sie mit so viel Einfühlsamkeit in ihrer Stimme, dass ich innerlich erweiche. "Nein...ich habe heute alles so gemacht, wie Papa es wollte.", sage ich tonlos. Sie schüttelt den Kopf und eine Strähne legt sich über ihr rechtes Auge. Sie kommt zu mir und setzt sich auf mein Bett. Hält mich fest. "Du sollst ihn nicht Papa nennen, wenn er nicht da ist. Das habe ich dir doch schon immer gesagt, Paulchen." Ich sehe sie an und nicke. "Ja, Gretalein. Es tut mir leid." Sie lächelt wieder eines ihrer wundervollen Lächeln und geht zum Regal. Sie holt unser liebstes Brettspiel heraus und setzt sich zu mir. "Wetten, ich gewinne wieder?", lacht sie mir entgegen. Herausforderung angenommen.

Warum denke ich gerade jetzt daran? Was treibt mich dazu? Ich habe so viele Jahre damit verbracht, die Erinnerungen an diesen Tag zu verbannen und nun sitzen sie lächelnd auf meinem Schreibtisch und sehen mich aus Gretas Augen an. Oh Greta...meine wunderschöne, unschuldige Schwester. Ich greife in die unterste Schublade meines Schreibtisches und hole die kleine Schachtel heraus. Als ich sie öffne, durchzuckt ein wilder Schmerz meine Schläfen.

Sie beugt sich vor und ihre Kette glitzert im Sonnenlicht. Mama hat sie ihr geschenkt, es ist ein kleines, rundes Amulett mit einem kleinen Verschluss. Darin sind zwei Fotos von Mama und mir. Ich habe Greta immer geliebt, weil sie aussah wie meine Mama. Und weil sie genau so viel Güte und Liebe in sich trug. Wir vergaßen die Zeit und spielten immer wieder. Mal gewann ich, mal sie, aber lachen konnten wir beide. Bis unsere Zimmertür aufflog. Papa stand dort, wie ein böser Schatten schaute er auf uns herab. Er war groß, sehr groß. Hatte Muskeln und einen dicken Bierbauch. Sein Gesicht war immer stoppelig und rot. Er trat wortlos in unser Zimmer. Ich atmete nicht mehr und auch Greta hielt die Luft an. Ich wollte etwas sagen, doch als ich Luft holte, dröhnte sein Geschrei schon in meinen Ohren. "Du nutzloses Drecksbalg hältst deine Fresse. Und du, kleines Miststück, gehst in die Küche. Ich warte schon seit zwanzig Minuten auf mein verdammtes Essen!" Er wankt kurz, hält sich am Türrahmen fest und als Greta aufstehen will, zerrt er sie an ihren wunderschönen Haaren hoch. Sie wimmert und schreit, doch sein Griff ist eisern. Er zerrt sie aus dem Zimmer, schickt sie lauthals nach untern und kommt dann zu mir. Er klappt das Spielbrett zusammen und versohlt mir damit den Hintern, bis er blutrot ist. Ich weine nicht mehr, egal, wie weh es tut. Wenn ich weine, macht er nur immer weiter. Er schmeißt das Spielbrett in die Ecke. "Du bekommst heute kein Essen. Und räum diesen Saustall hier auf, Junge!" Die Tür fliegt zu und ich höre ihn nur noch die Treppe herunterpoltern. Wimmernd ziehe ich mir die Hose hoch und räume auf.

Zwei Stunden später kommt Greta wieder nach oben. Es wird langsam dunkel und als sie eintritt, so still und ohne Ausdruck im Gesicht, wirkt sie wie ein Geist. Ihre Lippe ist aufgeplatzt und sie ist blass. Blasser als sonst. "Er hat gesagt, wir sollen schlafen gehen.", sagt sie emotionslos und mir wird etwas kälter. Sie legt sich in ihr Bett und dreht mir den Rücken zu. Ich beobachte sie. Ihre Schultern beben und ich weiß, dass sie weint. Ich stehe auf und setze mich an ihr Bett, ziehe sie an mich und weine mit ihr. "Dieses Schwein...wenn er tot wäre, wäre alles besser...", sagt sie mit einer Bitterkeit in der Stimme, die einem Menschen in ihrem Alter fremd sein sollte. Ich mag Papa nicht, aber sie HASST Papa. Ich drücke sie fester an mich und aus ihrem Schluchzen wird ein Wimmern. Sie verstummt, als wir Schritte auf der Treppe hören. Sie enden vor unserem Zimmer, ein lautes Rülpsen ist zu hören, dann ein Gähnen. Die Tür geht langsam auf, unser Vater torkelt herein und schließt die Rolläden. Es ist nun fast dunkel hier drin. Er beachtet uns gar nicht, bis er an Gretas Bett tritt. "Geh nach draußen, Paul. Und schließ' die Tür hinter dir.", stammelt er. Ich kann seinen Atem riechen. Er leckt sich die Lippen und sein Blick ist aus Feuer. Er sieht nicht mich an, sondern Greta. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange und gehe nach draußen. Sie will meine Hand festhalten, doch Papa wirft mich nach draußen. Er wirft die Tür zu und das nächste, das ich höre, ist das Knarksen von Gretas Bett und unaussprechliche Worte. Ich will Nichts sein. Ich will nirgendwo sein. Ich möchte nichts sehen, nichts hören, nichts denken und doch denke ich an Greta, sehe durch das Schlüsselloch und höre sie wimmern. Doch heute...heute ist etwas anders. Nach einigen Minuten ist ein lautes Poltern zu hören. Greta schreit laut auf und ich reiße mit meinen kleinen Händen die Tür auf, so stark ich kann. Und da sitzt Greta auf Papa, nackt und blau auf dem Rücken. Papa hat alle Viere von sich gestreckt. Immer wieder hebt sie die Arme und sie sausen auf Papa nieder. Die Bewegung endet in einem schmatzenden Geräusch und sie verharrt kurz. Irgendwann steht sie auf. Dreht sich um, hat ein Messer in der linken Hand. Sie trägt nur ihre Halskette. Ich sehe sie an und schäme mich. Ich sollte ihren Busen nicht sehen, nicht ihre Schambehaarung. Das gehört sich nicht. Doch was meinen Blick wirklich auf sich zieht ist das viele Blut, das ihren elfengleichen Körper bedeckt. Sie atmet langsam, tief. Sie blickt mich mit leeren Augen an und ohne, dass ich etwas sagen oder fragen muss, weiß ich, dass Papa tot ist. Es ist eine Gewissheit, die unabdingbar ist und immerwährend und immerbleibend und endlos grausam. Sie geht auf die Knie, kippt zur Seite und schläft ein.

Ich schwebe den Flur entlang wie ein Geist. Schwebe die Treppe herunter, zu unserem Telefon, wähle die Nummer der Polizei und sage tonlos meinen Namen, meinen Wohnort und die Adresse. Ich sage nicht, was passiert ist. Ich kann es nicht in Worte fassen, mein kindliches Gehirn ist noch nicht bereit, die Eindrücke zuzulassen, die bald auf mich hereinbrechen werden. Ich lasse die Haustür offen, schwebe wieder nach oben und setze mich zu meiner Schwester, streichle ihr Haar, bis die Polizei eintrifft. Sie haben Greta und mich mitgenommen und ihre letzten Worte zu mir waren, dass sie mich liebte und dass ich immer an sie denken solle, wenn ich mich einsam fühlte. Ich habe sie seither nie mehr gesehen.
Ich spüre, wie eine Träne meine Wange hinunter läuft. Sie berührt meinen Mundwinkel und zerfließt auf meinen Lippen. Ich wurde Arzt, schrieb nie wieder mit links und sah Greta nie wieder. Wie sich herausstellte, hatte mein Vater unsere Mutter ermordet. Er hatte alles festgehalten, um sich daran aufzugeilen. Und es war nicht sein einziger Mord. Er ging Nachts auf die Straße, in seiner Uniform und vergewaltigte junge Frauen, erstach sie und ließ sie irgendwo liegen. Niemand würde sich an einen Polizisten auf Streife erinnern.

Die schlimmsten Gewaltverbrechen geschehen in den Wohngegenden der Mittelschicht, hatte mir mal ein Polizist gesagt. Und nun sitze ich hier, der geisteskranke Psychologe mit dem geisteskranken toten Vater und der geisteskranken eingesperrten Schwester, die er in den letzten 38 Jahren fast nie besucht hat. Ich leere mein Glas und öffne das Fenster. Begebe mich in meinen viel zu großen Garten und beobachte die Sterne. Ich zünde mir eine weitere Kippe an, nehme einen tiefen Zug und lasse die letzten Wochen revue passieren. Mein Projekt beginnt nun bald. Und ich weiß, dass es nicht auf irgendwelchen Vermutungen über Medizin und Heilung beruht, sondern nur auf meinem Drang, herauszufinden, was in diesen Menschen vorgeht. Ich habe morgen das Gespräch mit meinem letzten Probanden und ich bin nicht bereit dafür. Absolut nicht bereit, wieder einem dieser Monster in die Augen zu blicken. Vielleicht sollte ich das Gespräch verschieben und endlich Greta besuchen fahren. Vielleicht.

Ich will wieder hinein gehen, doch bleibe abrupt stehen, als ich das Geräusch des silbernen Metronoms auf meinem Schreibtisch höre. Das rhythmische Klicken und Klacken und ein leises Kichern, welches mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Sterne leuchten hell, der Mond strahlt auf mich herab und in dem Moment, in dem ich etwas sagen will, fliegt mir Gretas Kette in die Arme, befleckt mit frischem Blut. Danach Schritte, ein weiteres Kichern, meine sich schließende Haustür und dann...Stille.

Nur noch das Metronom ist zu hören, leise im Hintergrund der stummen Schreie, welche in meinem Kopf wiederhallen, während ich dort stehe und einen weiteren Schritt auf die Klippe zumache, die sich vor mir ergibt. Ich gehe mit steifen Schritten nach drinnen, halte das Metronom an, gehe zur Haustür und prüfe, ob sie verschlossen ist. Sie ist zu, ich schalte das Licht ein und bereue es sofort, als ich die Wand neben meinem Schreibtisch sehe und die gigantischen Lettern lese, mit Blut an die Wand gemalt. Eine ureigene Angst durchflutet mich, als ich die Worte lese, immer wieder und wieder, bis ich realisiere, was dort geschrieben steht, so sauber und ordentlich mit Filigran und ohne Flecken. Und ich gehe auf die Knie, als ich nicke und "Ja, Papa.", hervorpresse.

"Geh jetzt ins Bett, Paul."
Und ich tue, wie mir geheißen.


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Hach ja, hierauf bin ich stolz. Wirklich, ich kann sagen, dass mir das hier sehr gut gelungen ist! Diese Geschichte hat mich gefesselt und sie nimmt Fahrt auf. Rasant und erbarmungslos überfallen mich die Inspirationen und lassen mich nicht mehr aus ihren Fängen heraus. Dr. Naumann wird seinen Job sicher noch bereuen, da bin ich mir sicher. Aber das sehen wir später! Noch ein Patientengespräch wird folgen, und dann beginnt die Geschichte. Das Projekt: Seelenspiegel wird bald beginnen, seid also darauf gefasst.

Wie immer wünsche ich euch viel Spaß beim lesen!

Bis dann,
euer Maexwell.

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